Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Sonderbildungen an den Grenzen des Reiches. 141 
Grafen am 2. Mai 1882 bei Beverhout zu besiegen und einen 
neuen Verband aller flandrischen Städte herzustellen; wie sein 
Vater ward er Ruwart von Flandern. 
Aber nun zog Philipp der Kühne, der Schwiegersohn des 
Grafen und Erbe des Landes, heran. Er besiegte die Vlamen 
am 27. November 1382 bei Roosebeeke in der Nähe von Jeperen; 
Philipp van Artevelde fiel. 
Es war, trotz aller Versuche Gents den Aufstand fortzu— 
setzen, das Ende der flandrischen Freiheit. Als Philipp im 
Jahr 1385 nach dem Tode seines Schwiegervaters Frieden 
schloß, da sah er sich als den Herren Flanderns. Freilich gab 
er den Städten noch neue Freiheiten, und seine Herrscherrechte 
über sie waren anfangs nicht viel ausgedehnter, als etwa die 
des deutschen Königs über die Reichsstädte. Aber die alte 
Autonomie war gleichwohl dahin. 
Und verloren zu gehen begann auch die deutsche Stellung 
des Landes. Freilich hatten schon die früheren Flandrergrafen 
vielfach in Frankreich gelebt; mit Frankreichs Hilfe allein, 
unterstützt höchstens noch durch die Interdikte französisch ge— 
sinnter Päpste, hatten sie ihre Herrschaft im 14. Jahrhundert 
aufrecht erhalten. Aber immer hatte das Land doch noch für 
sich gestanden, und der germanische Charakter namentlich der 
gewerblichen Klassen war noch unzweifelhaft. Jetzt dagegen 
gehörte Flandern zu Burgund, das heißt zu einem durchaus 
französisch charakterisierten Reiche. Für Deutschland war es 
politisch verloren. 
Gewiß ist Flandern trotz alledem und trotz aller späteren 
Schicksale uns national noch immer nicht ganz entrückt worden. 
Nicht vergebens erinnern heute die Denkmäler Jacobs van Artevelde 
zu Gent und Jan Breidels und Pieter de Konincks zu Brügge 
an alte Zeiten. Wie die Deutschen der Schweiz das Ferment 
der Eidgenossenschaft geworden sind, so zeigt es sich immer 
mehr, daß die Vlamen, statt im Wallonentum unterzugehen, 
vielmehr die feste germanische Grundlage des belgischen Staates 
bilden. Aber politisch stehen sie dem Centrum der Nation fern. 
Sie sind in dieser Lage, weil ihre wirtschaftliche und soziale
	        
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