Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

144 Elftes Buch. Drittes Kapitel. 
Inzwischen aber hatte sich ein verwandter Auslandsver— 
kehr auch nach dem baltischen Nordosten hin entwickelt, obgleich 
die Nation noch kaum kolonisierend bis zur Ostsee vorgedrungen 
war. Er ging vornehmlich von Niedersachsen, vor allem 
von Westfalen aus; noch im 13. Jahrhundert, ja bis tief 
ins 14. Jahrhundert starben in Livland und Esthland, auf 
Gotland wie in den schwedischen Handelsstädten des Festlands 
reiche Kaufleute, deren nächste Erben in kleinen Orten West— 
falens oder wohl gar des Rheinlands auf käragalichem Erbe 
saßen!. 
Wir haben freilich von diesen Handelsbeziehungen geringe 
Kunde, solange sie noch über die nordgermanische Handels— 
stadt Schleswig oder über das slawische Emporium Star— 
gard, das heutige Oldenburg in Wagrien, verliefen. Denn 
die Wege, die dieser Handel auf der vielbuchtigen Ostsee ein— 
schlug, sind verschollen. Das Meer, ein Urelement, nichts 
als Natur, unvergleichbar dem wohnlichen Lande, versenkt 
jedes Menschenschicksal in Tiefen, wo nur keusche Perlen 
wachsen, und es liegt über seinem Spiegel wie ein Aller—⸗ 
— 
sich aufbaut, in der Nabelgegend gleichsam der Ostsee, die 
noch auf der Karte des Olaus Magnus als fast absolute 
Mitte des Meeres gezeichnet erscheint, da lassen sich schon früh 
deutsche Spuren nachweisen. Hinweg über die mannigfachsten 
Kulturreste einer frühen Vorzeit — entfallen doch von etwa 
5000 römischen Münzen, die in Schweden gefunden worden 
sind, allein 3400 auf Gotland — hatte sich hier im 12. Jahr⸗ 
hundert ein breites deutsches Leben entwickelt. Die Kalkter⸗ 
rassen Wisbys bergen noch heute innerhalb ihrer von wildem 
Rosenhag umgebenen Mauern die Ruinen von anderthalb 
Dutzend deutscher Kirchen; diese bestimmen die Physiognomie 
des Orts; und die heutigen Einwohner, die ein mit deutschen 
Worten gemischtes Schwedisch reden, leben zwischen den 
Trümmern mit der Bescheidenheit, zu der der Aublick einer 
1 Vgl. zum Folgenden Band III S. 398 f.
	        
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