Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

218 — Zwölftes Buch. Zweites Kapitel. 
einem einigermaßen sichern Resultat über die Höhe der mittel— 
alterlichen Stadtbevölkerungen zu gelangen. 
Dazu war die Bevölkerung wenigstens in den ersten Zeiten 
des späteren Mittelalters noch sehr unstet und flüssig. Die 
Sterblichkeit war ungemein groß, auch dann, wenn die häufigen 
Epidemieen nicht einwirkten; die Bevölkerung bedurfte ständiger 
Ergäuzung von außen her; in Frankfurt betrug der Jahres— 
zuwachs der Bürgerschaft durch Fremde noch gegen Schluß 
des Mittelalters das Doppelte der Ergänzung aus eigenen 
Kräften. Noch mehr war der Großkaufmann der ältesten Zeit 
von vornherein ebenso häufig zugewandert wie einheimisch; das 
früheste Mitgliederverzeichnis der Kölner Kaufmannsgilde weist 
Namen aus fast allen damals wichtigen Städten auf. Schon 
dieser bedeutende Zuzug, wie er bis tief ins 14. Jahrhundert 
andauerte, mußte zu starken Fluktuationen führen; verwandte 
Erscheinungen in den modernen Großstädten machen das 
wenigstens sehr wahrscheinlich. Weiterhin aber war das 
statistische Verhältnis der Geschlechter zu einander, wenigstens 
wenn wir von der Geistlichkeit absehen, in den Städten des 
Mittelalters ganz anders als heutzutage; fast durchweg über— 
wogen die Frauen bedeutend: nie ist die Frauenfrage brennender 
gewesen als in den Städten des 14. und 15. Jahrhunderts. 
Es gab Frauenzünfte; das breite Feld der christlichen Armen— 
und Krankenpflege fiel den Frauen in genossenschaftlichem Ver— 
bande und in Anlehnung an die Kirche fast allein zu; es gab 
Frauenversorgungsanstalten; sogar den gefallenen Frauen wurde 
im Sinne christlicher Liebe durch besondere Organisationen ge⸗ 
holfen. Diese weit fortgeschrittene praktische Lösung der 
Frauenfrage beweist ein numerisches Verhältnis der Geschlechter, 
das von unseren Verhältnissen wesentlich abwich. 
Und wie war diese ihrer Zusammensetzung und Vermehrung 
nach bislang noch so wenig bekannte Bevölkerung angesiedelt? 
Auch hier lassen die bisher zusammengestellten Daten im Stich. 
Noch in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts galt wohl der 
Grundsatz des Familienhauses; aber wie lange blieb er er— 
halten? und verteilten sich die Häuser nicht ganz ungleich—
	        
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