Städtisches Dasein und bürgerliche Gesellschaft. 238
leicht ebenso oft rein religiöser Sehnsucht, als geschäftlichen
Wünschen entsprungen sein.
Im Mutterlande dagegen besaß man für die Anforderungen
des Verkehrs neben den Kirchen schon früh besondere Versamm—
lungsräume und Bauten: gerade hier erreichte die Fürsorge
der Stadt eine eigenartige Höhe, die der ungeteilten Aufmerk—
samkeit entsprach, mit der man sich überhaupt der Regelung
des Handels und Handwerks zuwandte.
IV.
Soweit wir zurückzublicken vermögen, haben die Städte
gewerbliche oder fabrikmäßige Anlagen hergestellt, für deren
Errichtung die Kraft des Einzelnen versagte. So wurden
Wasser- und Deichbauten unternommen; namentlich in den
Niederlanden war es eine der vornehmsten Sorgen des Rates,
Kanäle auch für gewerbliche Zwecke zu schaffen. Aber auch in
Augsburg wurde das Wasser des Lechs in tausend Kanälen
durch die gewerblichen Viertel geleitet. Dazu kamen Walk—
mühlen und Lohmühlen, Kloaken und Brunnen, Pressen und
Bleichen, Tuchrahmen und Trockenhäuser. Die größten Er—
—DV Anlagen
für den Handel.
Gerade hier schien die Vertretung der Einzelinteressen durch
die Gesamtheit besonders am Platze, denn hier traf die Stadt
als in sich geschlossenes Gemeinwesen mit anderen gleich abge—
schlossenen Bildungen zusammen und mußte für den zwischen—
cttädtischen Verkehr geeignete Grundlagen und dem Einzelnen
zugute kommende Vorteile schaffen. Wenn der Großkaufmann
des früheren Mittelalters karawanenartig ins Land gezogen
war, gewappnet zum Kampfe gegen jeden Angriff, wenn sich
die Seefahrer zu Geschwadern geeint hatten zur Überwindung
der Gefahren der Meeresgewalt und des Seeraubes in gemein⸗
samer Abwehr: so haftete etwas von diesem Geiste auch noch
In den Handelsstädten des späteren Mittelalters. Noch war
man egoistisch für das Wohl der engeren Mitbürger besorgt,
noch wollte man die Freiheit des großen Verkehrs nur, soweit