Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Städtisches Dasein und bürgerliche Gesellschaft. 241 
zußere Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft zu gewinnen. 
Diese Grundlage mutet uns bisweilen fremd an, nicht selten er⸗ 
scheint sie in einzelnen Teilen zunächst unverständlich; aber die 
genauere Kenntnis der Vorgänge, wie sie sich in meist eng be⸗ 
grenztem Kreise, auf kleinem Raume, innerhalb der nach un⸗ 
seren Begriffen nur mäßigen Bevölkerungszahlen der einzelnen 
Städte abspielen, ergiebt eine Sicherheit der Bestrebungen, eine 
Gleichmäßigkeit der Grundzüge aller Institutionen, eine Festig— 
keit im Fortschritte der Entwicklung, die nur unter der An— 
nahme eines kräftigen Sinnes der Bevölkerung und eines vor— 
urteilsfreien Optimismus der Verwaltung gegenüber neu auf— 
tauchenden Forderungen ihre Erklärung finden. 
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Freilich entsprach diesem kräftigen Leben auf vornehmlich 
wirtschaftlicher Grundlage noch keineswegs eine bürgerliche 
Gesellschaft im Sinne späterer, etwa gar unserer Tage; noch 
die älteren deutschen und auch die holländischen Maler bis tief 
ins 17. Jahrhundert hinein, ein Frans Hals und andere, stellen 
in dem so blühend entwickelten bürgerlichen Sittenbild nicht 
eine vornehmlich geistig charakterisierte Gesellschaft dar. 
Im 14. Jahrhundert war schon das bürgerliche Haus nicht 
geeignet, einen Schauplatz freien geselligen Lebens abzugeben. 
Mochte es nun in dem engräumigen Dreifensterhaus des Westens 
bestehen, das sich schon zur Zeit des romanischen Stils ent⸗ 
wickelt findet, oder aus dem Hause des Ostens, dessen Dielen⸗ 
eingang mit dem Herd in der Mitte noch auf das Vorbild des 
sächsischen Bauernhauses zurückwies: immer war es nicht bloß 
Familienwohnung, sondern barg zugleich Lagerräume, Arbeits— 
ind Verkaufszimmer; niemals verleugnete es die spezifisch 
materielle Färbung des Lebens. 
Und auch die innere Ausstattung der spärlichen Wohn— 
räume besaß nichts Anheimelndes. Die Gotik ist vor allem 
ein Stil monumentaler Architektur; sie wirkt ihrem Wesen nach 
lösend, begeisternd; sie ist kein Ausdruck behaglicher Alltäglichkeit. 
Die Motive, welche das Handwerk der Gotik entlehnte, waren 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. IV, 16
	        
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