262 Zwolftes Buch. Drittes Kapitel.
Oberdeutschland aber bemerkt die Reformation Kaiser Sigmunds
oom Jahre 1488 lakonisch: niemand haltet die ée, als
recht wär.
Falsch aber wäre es, aus dieser leidenschaftlichen Unmittel—
barkeit der Empfindung nichts als Schattenseiten des spätmittel—
alterlichen Lebens abzuleiten; sie war nicht minder die Ursache
alles Großen, und namentlich auf religiösem Gebiete ward sie,
gegenüber dem Überschwang früherer Zeitalter immerhin schon
ein Übergang zum ruhigeren Maße moderner Empfindung,
Anlaß einer wesentlichen Fortbildung.
II.
Das religiöse Leben der Massen war bis zum Schlusse
der ersten Hälfte des Mittelalters dem Christentum verhältnis—
mäßig überhaupt noch fern geblieben. Auf den Halden der
Berge wie in den Tiefen der norddeutschen Wälder herrschte
noch vielfach der altgermanische Fatalismus, nur gänzlich
systemlos und verfallen, und wunderlich aufgeputzt mit einzelnen
Flittern des orientalischen planetarischen Fatalismus, den viel⸗
leicht die Kreuzzüge vermittelt hatten, sowie in den kolonialen
Gegenden mit Resten slawischer Mythologie. Im 15. Jahr—⸗
hundert enthält ein niederdeutscher Beichtspiegel folgende Fragen:
Hast du irgendwelchen Aberglauben oder Schwachglauben gehabt
an Besprechen, Zauberei und Wahrsagen nach Geld und Gut,
nach Glücksfällen, oder irgend eine Kreatur angebetet und ihr
zöttliche Ehre und Lob gegeben, als da sind Sonne, Mond
und andere Planeten; oder Diebstahl, Unkeuschheit und andere
Uuntugend begangen unter dem Vorgeben, der Mensch könne
das nicht ändern, ihn treibe die Notwendigkeit dazu, weil er
unter solchem Planeten geboren sei? Oder hast du geglaubt,
eine Stunde sei schlimmer als die andere für eines Werkes
Beginn? Freilich säen, zur Ader lassen und Arznei nehmen,
das mag man wohl nach dem Laufe des Mondes. Oder glaubst
du, das Rufen der Vögel möge dem Menschen Gutes oder
Böses veranlassen? Hast du geglaubt an Träume oder an
Schwertbriefe oder andere ungewöhnliche Worte, die dich be—