Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Zwölftes Buch. Drittes Kapitel. 
so leichter Massenwirkungen hervorrufen, je geringer die In— 
dividualität derjenigen entwickelt ist, denen er sich aufdrängt; 
niemand ist auch heute noch leichter suggestibel, als der gemeine 
Mann, als Frauen und Kinder. Nun nahte diesen Kindern 
an Glauben, Kenntnissen und Anschauungsweite das hoch— 
entwickelte System der spätmittelalterlichen Kirchendoktrin mit 
seinen Himmeln von Heiligen, Seligen und Bekennern, mit 
seiner grauenhaften Topographie der höllischen Behausungen, 
und sein Kultus ergoß sich mit Exorzismen und Wallfahrten, 
mit endlosen Weihen und unverständlicher Handauflegung, in 
den feierlichsten Augenblicken das Geheimnis fremder Sprache 
wahrend, über die Häupter der neuen Adepten. Ist es wunder— 
bar, wenn religiöse Erregtheit epidemisch ward? 
Schon im 183. Jahrhundert begannen in den romanischen 
Ländern Kinderprozessionen und Geißelfahrten von Land zu 
Land, teilweise genährt durch eine Apokalyptik, die die fernsten 
Probleme mit den Ereignissen des Tages kühn und schauervoll 
verband. In Deutschland werden die gleichen Erscheinungen 
seit etwa Mitte des 14. Jahrhunderts auffällig, und sie dauern 
trotz aller Gegenwirkungen in gesteigerter Ekstase an bis zu 
den entscheidenden Jahren der Reformation. Waren sie tiefer 
begründet, so wurden sie doch anfangs oft mit hervorgerufen 
und gefördert durch furchtbare äußere Ereignisse, die Deutsch— 
land namentlich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts 
heimsuchten, durch Pest und Friedlosigkeit, durch Hungersnot 
und Überschwemmung. „Siehe, ich habe euch dürre Jahre 
gesandt,“ heißt es in einem Geißelbriefe, der zu Straßburg als 
Stimme Christi verlesen ward, „und Regengüsse und große 
Wasser, und das Erdreich habe ich geschlagen, daß es un— 
fruchtbar werde.“ 
Mit die auffallendsten und frühesten der hierher gehörigen 
Erscheinungen waren die Geißelfahrten zur Zeit des schwarzen 
Todes, um die Mitte des 14. Jahrhunderts, und furchtbar war 
die suggestive Wirkung ihres Auftretens: wannse die geischelere 
sich geischeltent, so was dag groste zuloufen und das
	        
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