Geistesleben im späteren Mittelalter. 269
Und mit ihnen kam ihre Frömmigkeit. Was kümmerten
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jene dogmatische Gelehrsamkeit, die, ebenfalls in den Klöstern
der Bettelmönche, zum immer staunenswerteren Ausbau der
Scholastik gefördert ward! Der große Mystiker Meister Eckart
hat als Hauptwerk ein umfangreiches scholastisches Opus tripar-
titum geschrieben, ein getreuer Schüler des h. Thomas; aber
dadurch ist seine Bedeutung in der Geschichte des deutschen
Geisteslebens nicht bestimmt worden; das Buch hat unbekannt
in unseren Bibliotheken schlummern können fast bis auf die
jüngsten Tage. Wie anders tritt derselbe Eckart geschichtlich
als Seelsorger hervor in der Pflege jener Art von mystischen
Mitteilungen, die sich aus Ansprachen gelegentlich der Reorgani—
sation der Frauenklöster, namentlich des Dominikanerordens,
seit dem Ende des 13. Jahrhunderts entwickelten! Hier liegt
seine eigentliche Bedeutung, und er hat sie übertroffen nur noch
durch die systematische Ausgestaltung, die er, zuletzt Lesemeister
an dem Studium seines Ordens zu Köln, in langem Denkerleben
den mystischen Erfahrungen zu geben wußte. Neben ihn aber
traten andere Vertreter einer spezifisch deutschen Mystik, praktisch
fördernd und helfend der Straßburger Dominikaner Johannes
Tauler (f 1361), ein großer Prediger, gedankenreich, tief, har—
monisch, weniger der Spekulation lebend als dem sittlichen Kampfe
gegen kirchliche Gesetzlichkeit, und Heinrich Suso (7 1366), der
Johannesjünger der Mystik, innig, gefühlsselig, phantastisch,
ein Mann der Bilder und Gesichte, der Minnesänger gleichsam
göttlicher Weisheit. Und diese großen Charaktere, jeder in sich
anders geartet, waren umgeben von einem Chor nicht minder
ausgeprägter Gestalten, einem Giseler von Slatheim und einem
Rulman Merswin, einem Heinrich von Nördlingen und einer
Margarethe Ebner. Denn eben die Frauen treten recht eigent—
lich hervor in diesem mystischen Leben; hier zum erstenmal
wieder wird anerkannt das aliquid sancti, das der römische
Beobachter einst in den Ahninnen gefunden; und wenn auch
ihre Frömmigkeit in einer vorwiegend sinnlich gewandten Devotion
gegenüber dem Seelenbräutigam steht, ja zu krankhaft sexuell—