274 Zwolftes Buch. Drittes Kapitel.
ein viertes, das Salvatorkloster in Emstein, traten 1895 zu
der sogenannten Windesheimer Kongregation zusammen, deren
energischem Wirken die segensreiche Klosterreform des 15. Jahr⸗
hunderts zum Teile zu danken ift. In diesen Klöstern wurde
besonders die Gelehrsamkeit gepflegt, hier blühten philologische
Studien auf über die Texte der Väter und der Vulgata; und
hier ward auch die quietistische Mystik erst zum vollsten, syste⸗
matischen Leben, zu einer spezifischen Form niederdeutscher
Frömmigkeit entwickelt.
Lief die Lehre der Nominalisten in der Scholastik während
des 18. Jahrhunderts schließlich auf die Unbeweisbarkeit
des Glaubens hinaus, so mußte jede Erkenntnis Gottes auf
intellektuellem Wege undenkbar erscheinen. Aber gerade in
dieser Art hatte die enthusiastische Mystik, mit ihrem dithyram—
bischen Aufschwung ins Gottesbewußtsein, Gott gesucht. Dem—
gegenüber ließ man jetzt den Weg des Intellekts fallen; den
Vätern der Windesheimer Häuser des 15. Jahrhunderts erschien
Seligkeit nur erreichbar in der Einheit des Willens mit Gott.
In Ergebenheit und Demut eine ununterbrochene Ruhe in Gott
zu suchen, die ‚Gelassenheit‘ zu finden: das war ihr Ziel reli⸗
giösen Lebens. Es ist die Mystik des Thomas von Kempen,
der deutschen Theologie und Staupitzens; die deutsche Theologie
hat Luther ungemein angeregt und zweimal hat er sie heraus⸗
gegeben; Staupitz war Luthers Lehrer, Tröster und Hort: un—
Dütelbar bis an die Stufen der Reformation führt diese
Mystik. Und doch war sie von ihr noch durch eine unüber⸗
brückbare Kluft getrennt; nichts beweist das mehr, als das
spätere, bei aller Sympathie der Seelen bis zum herben Ver⸗
zicht gegenseitigen Verständnisses entwickelte Verhältnis Luthers
und Staupitzens. Der Held dieser deutschen quietistischen
Mystik aber ist der Chorherr auf dem Agnetenberge bei Zwolle,
Thomas von Kempen (F 1471) gewesen, wenn anders die
Imitatio Christi ihm angehört. In ihr herrscht ganz eine stille
Frömmigkeit voller Resignation, Wahrheit und Güte; in ruhiger
Beschaulichkeit entsagt sie den Reizen des mittelalterlichen
Kultus, um ganz der Pflege des Innern zu leben, verzichtet sie