Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Geistesleben im späteren Mittelalter. 289 
sie kann doch im besonderen Sinne vom Licht umspielt sein, 
im Lichte leben oder nicht. Und der Umriß kann allerdings in 
Farbe und Licht verschwinden, er kann zum fast nicht unter— 
scheidbaren Saum werden: gleichwohl bildet er für das körper— 
liche Sehen immer eine unbedingte Voraussetzung. 
Nun sehen wir heutzutage künstlerisch Umrisse, Farben und 
Lichter. Indes in den verschiedenen Arten der Malerei keines⸗ 
wegs in gleichem Verhältnis zu einander. Das Bildnis z. B. 
gestattet ein Absehen vom festen Umriß weniger, als mancher 
andere Zweig der Malerei; das menschliche Antlitz bietet eine 
so kleine Fläche, daß sie das moderne Auge, genügend nahe ge— 
hracht, der Regel nach noch bis in jede Einzelheit beherrscht. 
So überwiegt im Bildnis der Regel nach noch der Umriß das 
Licht und die Farbe, wenn auch diesen ein steigender Anteil an 
Wiedergabe und Charakteristik gewährt wird. In der Land— 
schaft dagegen verschwimmen uns die Umrisse, und ein 
zeichnerisch jeden Kontur wiedergebendes Landschaftsbild erscheint 
uns heutzutage deshalb nicht als künstlerische, sondern als 
künstliche Lösung; es sei denn, es gehöre der Vergangenheit an 
und wir betrachten es mit dem Auge historischer Aneignung. 
Wie wir noch für die verschiedenen Gattungen der Malerei 
Auterschiede machen zwischen dem Verhältnis von Kontur, Farbe 
und Licht, so bestehen nun solche Unterschiede für die einzelnen 
Zeitalter der Entwicklung der Malerei in ungleich höherem 
Grade. Die ältesten Perioden bewältigen, etwas schematisch 
und ein wenig zu scharf ausgedrückt, künstlerisch nur den 
Umriß; erst später wird die Farbe ästhetisch bewältigt, und 
noch viel später das Licht. 
Die älteste deutsche Malkunst gab nur den Umriß der 
Dinge. Und zwar gab sie ihn noch keineswegs naturgetreu, 
sondern unbewußt stilisiert; es sind die Perioden der bloßen 
Ornamentik bis zum 8. Jahrhundert, der typischen Wiedergabe 
des Umrisses vom 8. bis zum 11. Jahrhundert, der konventio⸗ 
nellen Darstellung vom 11. bis zum 13. Jahrhundert. In 
ihnen näherte sich der unbewußt stilisierte Umriß immer mehr 
der Wirklichkeit. 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. IV.
	        
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