302 Swõölftes Buch. Drittes Kapitel.
hatte in Deutschland, entsprechend dem germanischen Genie,
das Abwechslung im Charakteristischen künstlerisch höher wertet
als rein harmonischen Verlauf, die ernsten Scenen am Grabe
Christi gegengewogen durch halb burleske Auftritte, etwa den
Wettlauf der Apostel Johannes und Petrus zum Grabe. Es
war der Anfang zu fast völliger Umformung der kirchlichen
Spiele. Die burlesken Scenen nahmen überhand; sie bildeten
einen breiten, barocken, dabei äußerst rohen Rahmen um das
Bild der heiligen Vorgänge. Zugleich mit dieser Umwandlung
griff die Gemeinde in die Darstellung ein. Nur die biblischen
Personen wurden wohl noch von Geistlichen gegeben, und
Christus wenigstens sprach auch noch in sehr später Zeit
Latein. Die anderen Rollen dagegen, und vor allem die
Darstellung des Chors, sei es der Juden und Kriegsknechte,
sei es der Salbenkrämer und Vogelhändler im Tempel,
fielen der Gemeinde zu; in ihnen versuchten sich die zahl⸗
reichen geistlichen Brüderschaften der Städte. Es war die
Demokratisierung und Säkularisation der alten Mysterien und
Moralitäten.
Und bald trat ihr die Ausbildung des bürgerlichen Possen⸗
spiels zur Seite. Es war bis auf einen gewissen Grad nichts,
als die aus dem kirchlichen Rahmen losgelöste Burleske. Die
Aufgabe war auch hier noch nicht eigentlich dramatisch in
unserm Sinne. Zwar gab es eine Scene, gab es Personen.
Aber die Personen waren nur Typen, sie entsprachen etwa
den hergebrachten Personen unseres volkstümlichen Puppen⸗
spiels. Sie vertraten zum großen Teil die satirisch entwickelten
konventionellen Vorstellungen vom Unterschiede der Stände
und Berufe oder von der Überlegenheit der Stadt über das
platte Land, und sie strotzten nebenher von unsäglicher Ge—
meinheit. Gleichwohl galten sie der Zeit unendlich viel, von
den flandrischen Soternijen an bis auf die Nürnberger Spiele
Rosenplüts.
In der That bilden sie den Gipfelpunkt des ästhetisch—
litterarischen Interesses im Bürgertum des ausgehenden Mittel⸗
alters. Sie repräsentieren flott und skrupellos die Anschauungen.