Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

29 Elftes Buch. Erstes Kapitel. 
schon sah er sich selbst als den Führer eines Magnum passa- 
zium, dem selbst die Mongolen von Norden her Hilfe leisten 
sollten. Fur so große Pläne war die Teilnahme aller euro— 
päischen Völker und hierzu die Befriedung des Abendlandes 
notwendige Voraussetzung: wie aber konnte sie erreicht werden 
ohne ein festes Oberhaupt des deutschen Volkes und einen 
kaiserlichen Vogt der universalen Kirche? 
So suchte Gregor X. es durchzusetzen, daß ein allgemein 
anerkannter deutscher König gewählt werde. Vor allem galt 
es hierfür, die Ansprüche des noch immer lebenden, ja neuer— 
dings in Oberitalien in unruhiger Parteigründung thätigen 
Schattenkönigs Alfons zu beseitigen. Der Papst begann sich 
dieser Mühe schon bald nach dem Tode König Richards zu 
unterziehen, gestützt anfangs auf Gegenwirkungen König Karls 
von Neapel und Sizilien gegen die oberitalienischen Alfonsisten; 
zu einem gewissen Abschluß, wenn auch anscheinend noch immer 
nicht zu vollem Verzicht des kastilischen Königs führten seine 
Verhandlungen erst im September 1275. 
Inzwischen aber war den päpstlichen Plänen schon früh 
ein Hindernis entgegengestellt worden, das besondere Gefahr 
drohte: König Karl von Sizilien versuchte, dem König Philipp 
von Frankreich, seinem ihm völlig ergebenen, im übrigen unbe— 
deutenden Neffen, durch unmittelbare Verhandlungen mit dem 
Papste die Kaiserkrone zu verschaffen: sein Ziel war die Wieder— 
herstellung des Stauferreichs auf französisch-italienischer Grund— 
lage, und er wußte sich in dessen Aufstellung von einer nicht 
unbedeutenden Partei im Kardinalskollegium unterstützt. 
Die Lage war für den Papst überaus peinlich. Nur mit 
einer Gewaltmaßregel wußte er sich ihr zu entreißen. Anfang 
August 1273 verkündete er den Deutschen, sie sollten alsbald einen 
König wählen: sonst werde er, der Papst, ihnen unter Beirat 
der Kardinäle einen Herrn nach seinem Gutdünken setzen! 
Aber inzwischen waren die deutschen Fürsten doch auch in 
einige Bewegung geraten; vor allem die drei rheinischen Erz⸗ 
bischöfe waren zu Beratungen zusammengetreten, von Erzbischof 
Werner von Mainz veranlaßt und vorwärts getrieben durch
	        
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