Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Konziliare Bewegung, Wiener Konkordat vom Jahre 1448. 393 
diese, in einer demokratischer denkenden Kirchengemeinschaft an 
sich weniger notwendig, mit dem allgemeinen Sinken natural⸗ 
wirtschaftlicher Einnahmen seit dem 18. Jahrhundert in immer 
größere Not; zum Verlust innerer Daseinsberechtigung kam 
äußerer Ruin. Wie ihm entgehen? Die altvornehmen In⸗ 
stitute suchten im Schaustellen von Reliquien, in der Erwirkung 
von Ablaß neue Einnahmequellen, bei denen es rein geldwirt⸗ 
schaftlich auf kleine Beiträge in runder Münze und auf den 
Instinkt der Massen abgesehen war; und gelang die Speku— 
lation nicht, so halfen sie sich mit Zusammenlegung von 
Pfründen. Denn indem in die ursprünglich fast durchweg ge— 
meinwirtschaftliche Geschäftsführung der kirchlichen Genossen— 
schaften geldwirtschaftliche Neigungen eingedrungen waren, hatte 
man in den Stiftern regelmäßig, oft aber auch in den Klöstern 
das gemeinwirtschaftliche Leben aufgegeben, hatte die Ein— 
nahmen mehr oder minder weitgehend in geistliche Gehälter, 
in Pfründen, zerlegt und war nun imstande, bei sinkenden 
Einnahmen mehrere solcher Pfründen einer Person zuzusprechen. 
Es war eine Mobilisierung gleichsam und gleichmäßige Durch— 
schneidung des alten kirchlichen Genossenschaftsvermögens: weit 
überwiegend zerfiel es jetzt in Pfründen, deren Genuß, mochten 
sie auch von ganz verschiedenen Instituten herrühren, sich in 
einer Hand vereinigen ließ. So gab es Domherren irgendeiner 
bischöflichen Kathedrale, die nebenher Stiftsherren einiger Stifter 
in ganz anderen Gegenden waren; Dutzende von Pfründen 
wurden so gehäuft; in späterer Zeit besaß z. B. Jakob Abel, 
Kanonich von St. Thomas zu Straßburg, hundert Pfründen 
und trieb damit einträglichen Handel!. 
Natürlich vereitelte dies Pfrundenwesen mehr oder minder 
die ursprünglichen Zwecke fast aller alten religiösen Genossen⸗ 
schaften und machte die Pfründeninhaber hoffärtig: von 
den Domherren heißt es im vierten Jahrzehnt des 15. Jahr⸗ 
hunderts: si sind nun gots junkhern worden; si gant 
Röohrich, Geschichte der Reformation im Elsaß, S. 40.
	        
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