Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

KNonziliare Bewegung, Wiener KNonkordat vom Jahre 1448. 401 
möchte sich wundern, wenn sich das kirchliche und religiöse 
Leben der Laien nun noch weiter zersetzte; fand doch an vielen 
Orten wegen Interdikts kein Gottesdienst mehr statt, und so 
konnte dort ein Geschlecht heranwachsen, das den christlichen 
Kult kaum kannte und ihn lächerlich fand, als man ihn wiederum 
einführte. 
Wie nun dem Übel steuern? Ein doppelt vertretener 
Universalismus war ein vollendeter Widerspruch. Als ein— 
faches Mittel erschien es, beide Päpste zum gütlichen Verzicht 
zu bestimmen; es war der erfolglose Wunsch namentlich der 
Universitäten Prag, Paris und Orford. Ferner kam man auf 
den Gedanken, sich der Amtsgewalt beider Päpste zu entziehen. 
Er versprach Erfolg auf dem Pariser Nationalkonzil des Jahres 
1398, scheiterte aber schließlich an der Uneinigkeit der Nationen 
und an der wechselnden Stellungnahme der für diesen Weg be— 
sonders eingenommenen französischen Parteien. Ein dritter 
Vorschlag ging dahin, die Päpste einem schiedsrichterlichen 
Spruche zu unterstellen. Allein wo den Schiedsrichter finden? 
Im schwachen König Ruprecht als künftigem Kaiser? In dem 
zeitweis wahnsinnigen Könige Karl von Frankreich? Man 
mußte innerhalb der kirchlichen Instanzen bleiben. 
Hier bot sich ein vierter Vorschlag, die Entscheidung durch 
ein allgemeines Konzil herbeiführen zu lassen. Er wurde zum 
ersten Male geltend gemacht von Konrad von Gelnhausen, 
damals Theologieprofessor in Paris, in seiner Mai 1880 ver—⸗ 
faßten EPpistola concordiae“ und auf Grund dieser Schrift 
im folgenden Jahre noch eindrucksvoller von dem gleichfalls 
damals in Paris weilenden Heinrich von Langenstein in seiner 
Epistola concilii pacis. Auf dieser Schrift erbaute sich die 
konziliare Theorie, die in der Folge mehr und mehr Anhänger 
fand, daß nämlich eine von irgend einer dazu berechtigten Instanz 
berufene Versammlung von Vertretern der Gesamtkirche über 
1Oder vielmehr in dem „kurzen Brief“ vom Sommer 1879, den 
d. Kaiser, Histor. Vierteljahrsschrift 3, 379 ff. veröffentlicht und be— 
sprochen hat. 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. IV.
	        
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