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Elftes Buch. Erstes Kapitel.
Damit war aber zugleich die Hausmachtspolitik Rudolfs
im Westen gescheitert: keinerlei große landesfürstliche Gewalt
des Königs trat hier fürderhin dem Andrängen Frankreichs
entgegen.
Fast allein das Verhältnis zu Burgund hat Rudolf an—
dauernd zu auswärtiger Politik veranlaßt. Im übrigen hielt
er sich daheim, fern namentlich auch von der gefährlichen Macht
des Papstes: er wußte wohl, daß ihm, gleich seinem großen
Vorfahren König Heinrich J., zunächst vor allem die innere
Festigung des geborstenen Reiches oblag.
Es war eine Aufgabe, die an sich ein ganzes Leben hätte
in Anspruch nehmen können. Denn noch immer dauerten
anarchische Zustände fort, und die wirren Massen der parti—
kularen Mächte im Reiche, der jederlei Herrschaft beanspruchen—
den Fürsten, des Adels, der seine Selbständigkeit zu verteidigen
suchte!, der Städte, die sicher in die Zukunft sahen, des dro⸗
henden finanziellen Ruins der alten naturalwirtschaftlichen
Gewalten des platten Landes gewiß — sie wurden durch
keinerlei materielle oder moralische Zwangsgewalt zusammen—
gehalten oder beruhigt; neben dem Königtum war auch die
Kirche im ärgsten Verfall ihrer Einrichtungen.
In den Tiefen des Volkes aber gärte es; unter den Müh—
seligen und Beladenen sehnte man sich zurück in die immer noch
besseren, nun im Glorienschein wehmütigen Gedenkens er—
glänzenden Zeiten des letzten großen Staufers. Wie lange war
es her, daß man von seinem rätselhaften Tode fern im Süden
gehört hatte? War er überhaupt gestorben, der Gebannte, von
den Feinden des Reiches Gehaßte? Die Frage aufwerfen, hieß
sie verneinen. Kaum eine Generation ging dahin, und Kaiser
Friedrich II. erstand in der durch die Not gesteigerten Ein—
bildungskraft seines Volkes von neuem. Und wunderliche Züge
verquickten sich mit dem Glauben an seine Rückkehr.
Der Urkirche waren die Kaiser leicht unter dem Zeichen
des Antichrists erschienen; das Andenken Neros vor allem, des
1 Vgl. Band III S. 276, 287.