Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Elftes Buch. Erstes Kapitel. 
erbten zu spenden, um die Thränen der Witwen zu trocknen 
und alles Leid zu nehmen von den Bedrückten, bis er herrlich 
in der heiligen Stadt einziehe und seine Krone da ablege, wo 
der Herr gelitten? 
Voll sehnlicher Erwartung sah man der Wiederkunft des 
Kaisers überall entgegen, wo anarchische Zustände herrschten. 
Falsche Friedriche tauchten auf; am Oberrhein war es ein 
Einsiedler, am Mittelrhein ein Schmied, in Lübeck und in 
Schwaben waren es andere Bethörte. Und einer wenigstens 
von ihnen, Dietrich Holzschuh, gewann politische Bedeu— 
tung. In Köln, der Großstadt, in den Kot getreten und 
grausam verspottet, zog er sich nach Neuß zurück, um bald den 
gläubigsten Anhang zu finden. Rudolf hatte die rheinischen 
Städte mit einer schweren Reichssteuer belegt, der neue Fried— 
rich belastete die bürgerlichen Bevölkerungen nicht: so fielen sie 
ihm zu. Und indem er die Friesen gegen die Angriffe des 
Grafen von Holland und des Erzbischofs von Bremen in Schutz 
nahm, gewann er die Sympathien des platten Landes. So 
wuchs seine Macht; er brach nach Frankfurt auf, den Thron 
des Reichs zu besteigen. Rudolf mußte mit Heereskraft gegen 
ihn ausziehen; er mußte Wetzlar umzingeln, das den neuen 
Kaiser verehrend beherbergte. Nach kurzen Verhandlungen ent⸗ 
schlossen sich die Bürger Wetzlars, ihr Idol dem Könige zu 
opfern. Am 7. Juli 1285 büßte der neue Friedrich seinen 
Wahnwitz im Flammentod. 
Aber der Glaube an die Wiederkunft Friedrichs ging mit 
nichten mit ihm zu Grunde. Wie man in der Asche des Wetz⸗ 
larer Scheiterhaufens vergebens nach Knochen gesucht hatte, so 
entstieg dieser Glaube, ein Phönix, den Flammen und dauerte 
in unverminderter, ja wachsender Kraft fort bis hinaus über 
die Zeiten des Mittelalters. Der letzte falsche Friedrich ist 
erst im Jahre 1546 aufgetreten zu Langensalza, in der Nähe 
des Kyffhäusers. Nur daß sich mit den wechselnden Jahr—⸗ 
hunderten das Bild des erwarteten Kaisers wandelte. Im 14. 
und 15. Jahrhundert ward er zum kommenden Tröster aller 
sozialen Not, zu einem von Osten her nahenden Wiederhersteller
	        
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