Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Uämpfe zwischen Papsttum und Kaisertum; goldene Bulle. 71 
hau der Kirchenverfassung die vollen Folgerungen der Theokratie, 
so erging er sich innerhalb der theoretischen Ausführungen 
seiner Bullen in niemals erschöpften Ausdrücken kurialer All⸗ 
gewalt, so stellte er das universale Priestertum auch äußerlich 
in unerhörtem Glanze dar, eine repräsentative Gestalt von 
trenger Würde und beherrschender Hoheit. 
In Frankreich aber trat dem feurigen Greise, sobald er 
sein System politisch durchführen wollte, ein junger Mann 
»on eisiger Besonnenheit entgegen: König Philipp IV. Er 
zwanz Bonifaz zur Nachgiebigkeit, als dieser ihm die Besteuerung 
des Klerus ohne päpstliche Erlaubnis untersagt hatte. Er 
verbot den französischen Prälaten mit Erfolg die Reise zu 
einem Konzil, das vom Papst nach Rom berufen war. Er 
ging schließlich gegen den Papst, der mit geistlichen Strafen 
drohte, persönlich vor. Er schleuderte gegen ihn die uner⸗ 
hörtesten Anschuldigungen, er machte den Versuch, ihn in seinem 
Palast zu Anagni aufzuheben und gefangensetzen zu lassen. 
Und gelang dies auch nur auf Tage, so mußte Bonifaz doch 
fliehen, und zwar nach Rom, in eine Lage, in der er Gefahr 
lief, ein Spielball zuchtloser Adelsfaktionen zu werden. Dies 
Unglück traf den Papst ins Herz, wohl am 12. Oktober 1308 
ward er tot in seinem Bette gefunden. 
Was war nun die geheimnisvolle Gewalt, kraft deren 
König Philipp den Papst bezwungen hatte? Hinter seinem 
Königtum stand die Nation — mit sicherem Instinkt hatte fie 
begriffen, daß die päpstliche Theokratie nicht nur ihrem Herrscher, 
sondern ihr selbst gefährlich sei. Es ist der gleiche Vorgang 
vie in Sizilien; auch hier war der Kurie das Volk entgegen⸗ 
getreten. Und es sind Erscheinungen, die nur Vorboten bilden 
biel allgemeinerer, gleich starker Bewegungen im 14. Jahr— 
hundert überhaupt; wir werden sehen, daß auch in Deutschland 
bas Papsttum nur von der Nation, dem langsam zum Selbst⸗ 
bewußtsein erwachsenden Volke, besiegt worden ist. 
Der Nachsolger Bonifazens, Benedikt XI., war ein ruhiger, 
edeldenkender Mann; er begriff die traurige Aufgabe, den poli—
	        
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