Neue Dichtung.
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die auf dieses Anschauliche reflektierenden und von ihm her
zurück belebten Gefühle; nicht den Gegenstand besingt er,
sondern das Empfinden, das an diesen anknüpft. So sind ihm
denn Empfindungen eben die Haupterscheinungen anschaulicher
Vorgänge: alles andere verschwindet ihm vor der Macht des
sich den Dingen entringenden Gefühls: und so wird er zum
ersten Großen unserer subjektivistischen Dichter!.
Indem er sich aber in die Welt der Gefühle einschließt,
wird er zugleich zum Dichter der Selbstbeobachtung. Mit der
schärfsten poetischen Analyse seiner Zeit ist er seinem Innern
zu Leibe gegangen; die Außenwelt, auch insofern sie Innenwelt
anderer war, hat ihn weniger gekümmert. Sein dichterisches
Studienfeld ist darum begrenzt; will er fremde Gefühle wieder—
geben, so gelingt ihm das fast nur unter dem Reiz des Ab—
normen, indem er die fühlenden Personen etwa tot oder ab—
wesend denkt: gänzlich fern steht er darum dem Drama und
im tiefsten Grunde fern auch dem Epos.
Dem aber, was die Zeit der Empfindsamkeit vom Dichter
heischte, kam er eben auf diese Weise am nächsten. Hatte noch
Haller nur die ersten herben Spuren tieferen, persönlichen
Empfindens seinen Gedichten einverleibt, sah man bei ihm die
Formen einer künftigen Stimmungspoesie gleichsam erst durch—
schimmern durch den noch objektiv gehaltenen Leib des Ge—
dichtes, wie man etwa in den gedrungenen Strebepfeilern
frühgotischer Kirchen die Herrlichkeit der tausend Fialen und
Kreuzblumen, der Baldachine und Statuen späterer Gotik nur
ahnen mag: so brachte Klopstock jetzt die Erfüllung, die Er—
füllung nach Form wie Inhalt.
Begünstigt wurde der Dichter für die Entwicklung dieser
Stimmungen durch Wesen und Herkunft seiner religiösen
Empfindung. Seine Vaterstadt Quedlinburg und sein Vater⸗
In dieser Richtung urteilt Schiller (Über naive und sentimentalische
Dichtung) von ihm: „Seine Sphäre ist immer das Ideenreich, und ins
Unendliche weiß er alles, was er bearbeitet, hinüberzuführen. Man möchte
sagen, er ziehe allem, was er behandelt, den Körper aus. um es au Geist
zu machen.“