Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Freund, ein einziger Blick, von einer Seele begeistert, 
Die von der süßen Gewalt ihrer Empfindungen bebt; 
Und ein Seufzer, mit vollem Verlangen, mit voller Entzückung, 
Ausgedrückt auf einen zitternden blühenden Mund, 
Ein beseelender Kuß ist mehr, als hundert Gesänge, 
Mit ihrer ganzen langen Unsterblichkeit wert! 
Steigert sich damit die Sprache in ihren musikalischen wie 
ihren grammatischen und syntaktischen Wirkungen ins Un⸗ 
ermeßliche, Unfaßbare, so erreicht auch die Gesamtmalerei ent⸗ 
sprechende Höhen. Was Klopstock auf diesem Gebiete vermag, 
das zeigen drei Zeilen eines kleinen Bildes aus einer seiner 
Oden besser als alle umschreibenden Versicherungen. 
Auge, wem gleich' ich dich? 
Bist du Bläue der Luft, wenn sie der Abendstern 
Sanft mit Golde beschimmert? 
Aber diese Virtuosität gegenständlicher Malerei wird nun 
ausgenutzt, um alles Körperhafte, Wohlumschriebene, Plastische 
der Personen und Gelegenheiten bis auf Spuren verschwinden 
zu lassen. Da „entsenkt sich“‘“ wohl Thuiston dem Himmel, 
wie Silber stäubt 
Von fallenden Gewässern; 
und Satan wird grübelnd vorgestellt: 
Wie auf hohen unwirtlichen Bergen drohende Wetter 
Langsam und verweilend sich lagern: so saß er und dachte. 
Wem träte im Gegensatz zu dieser Schilderung nicht die 
Plastik Walthers von der Vogelweide in Erinnerung, da er 
sich nachdenkend zeichnet: 
Ich saß uf eime steine 
Und dachte bein mit beine, 
Daruf sast ich den ellenbogen, 
Ich hat in mine hant gesmogen 
Das kinn und ein min wange. 
Klopstock aber macht mit der Auflösung aller Umrisse nicht 
bei der Schilderung von Vorgängen Halt: die Personen selbst
	        
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