Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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religiös und politisch! Und gar manche seelische Umwälzung 
dieser Zeit, die sich explosiv vollzieht, mag solchem Rufe recht 
geben; es ist davon früher erzählt worden?!. Aber dem gewalt⸗ 
samen Aufsprießen und Knospenspringen entrang sich schon im 
Verlaufe der Periode selbst manch kostbare Frucht; und wie 
sich in ihr die ersten nun wirklich kräftigen Keime der neuen 
Persönlichkeit des Subjektivismus bildeten, wie die Urformen 
neuer Weltanschauungen, welche die nächsten Geschlechter be— 
schäftigen, ja beherrschen sollten, aus unklarem Wehen des 
Denkens hervortraten?, so wurden auch im Reiche der Dichtung, 
in dem Empfinden und Fortbilden Eines sind, neue s chöpferische 
Gedanken wach und alsbald in Kunstwerken von Rundung und 
Dauer verwirklicht. 
Die Grundlage alles Neuen aber wurde jetzt in dem in⸗ 
tuitiven Gefühle des echt Volkstümlichen gewonnen. Gewiß 
hatte auch schon die Empfindsamkeit dieser tiefsten Grundlage 
zugestrebt. Aber es geschah nur matt oder übertrieben, aus 
einem noch nicht völlig sicheren Instinkte heraus, und nicht selten 
in Anlehnung an fremde Mahnung und fremdes Vorbild. Jetzt 
dagegen, wo die subjektivistische Persönlichkeit sich in einzelnen 
Individuen in aller Breite ihrer Voraussetzungen, wenn auch 
zunächst dithyrambisch, auswirkte, stellte sich auch alsbald ihr 
Gegenstück ein: die Liebe zum Volkstum. Denn wie soll den 
Einzelpersönlichkeiten der vollste Lebensraum eigenen Aus— 
wirkens gewährleistet werden, wird nicht ein weites, elastisches, 
von allen innerlich anerkanntes Band gefunden, das die Grund⸗ 
festen ihres Daseins umschließt und sichert. Die Seele des 
modernen Menschen bedarf des Lebens in einem reich ent⸗ 
wickelten und völlig anerkannten Volkstum: die individual⸗ 
psychische Seite des Daseins muß durch die sozialpsychische be— 
wußt ergänzt werden: das ist eine der Grundanschauungen 
aller subjektivistischen Zeitalter. 
Wie aber vermochte diese Volkstümlichkeit anders ins 
1 S. oben S. 280 ff., 248 ff. 
2 S. oben S—. 250 ff.
	        
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