Neue Dichtung.
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religiös und politisch! Und gar manche seelische Umwälzung
dieser Zeit, die sich explosiv vollzieht, mag solchem Rufe recht
geben; es ist davon früher erzählt worden?!. Aber dem gewalt⸗
samen Aufsprießen und Knospenspringen entrang sich schon im
Verlaufe der Periode selbst manch kostbare Frucht; und wie
sich in ihr die ersten nun wirklich kräftigen Keime der neuen
Persönlichkeit des Subjektivismus bildeten, wie die Urformen
neuer Weltanschauungen, welche die nächsten Geschlechter be—
schäftigen, ja beherrschen sollten, aus unklarem Wehen des
Denkens hervortraten?, so wurden auch im Reiche der Dichtung,
in dem Empfinden und Fortbilden Eines sind, neue s chöpferische
Gedanken wach und alsbald in Kunstwerken von Rundung und
Dauer verwirklicht.
Die Grundlage alles Neuen aber wurde jetzt in dem in⸗
tuitiven Gefühle des echt Volkstümlichen gewonnen. Gewiß
hatte auch schon die Empfindsamkeit dieser tiefsten Grundlage
zugestrebt. Aber es geschah nur matt oder übertrieben, aus
einem noch nicht völlig sicheren Instinkte heraus, und nicht selten
in Anlehnung an fremde Mahnung und fremdes Vorbild. Jetzt
dagegen, wo die subjektivistische Persönlichkeit sich in einzelnen
Individuen in aller Breite ihrer Voraussetzungen, wenn auch
zunächst dithyrambisch, auswirkte, stellte sich auch alsbald ihr
Gegenstück ein: die Liebe zum Volkstum. Denn wie soll den
Einzelpersönlichkeiten der vollste Lebensraum eigenen Aus—
wirkens gewährleistet werden, wird nicht ein weites, elastisches,
von allen innerlich anerkanntes Band gefunden, das die Grund⸗
festen ihres Daseins umschließt und sichert. Die Seele des
modernen Menschen bedarf des Lebens in einem reich ent⸗
wickelten und völlig anerkannten Volkstum: die individual⸗
psychische Seite des Daseins muß durch die sozialpsychische be—
wußt ergänzt werden: das ist eine der Grundanschauungen
aller subjektivistischen Zeitalter.
Wie aber vermochte diese Volkstümlichkeit anders ins
1 S. oben S. 280 ff., 248 ff.
2 S. oben S—. 250 ff.