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Zweiundzwanzigstes Buch.
und ihre Bewegung ein taumelnder Tanz.“ Es sind die Ge—
heimnisse seiner Lehre, die er seinem Landsmann Herder ins
Herz senkte, und die in diesem Herzen Frucht trugen hundertfalt.
In seiner Straßburger Zeit, nach den Erfahrungen längerer
Reisen und in der Durchbildung der Einfälle Hamanns zu
einem vollen selbsterlebten Systeme, lehrte Herder, der wahre
Dichter sei nur Dolmetscher der Natur hinein in die Seele
und das Herz seiner Brüder. Aus ihm wirke im Grunde
nicht er selber, sondern die ganze Welt der Leidenschaft und
Handlung, die die Natur in ihn gelegt habe: die strebe nach
außen durch das Mittel der Sprache: und sie wirke um so
mehr, je wahrer, kenntlicher und stärker die Sprache im Aus—
drucke der sie begleitenden Empfindungen sei. Und auf je
mehr Menschen sie wirke, die ihre Eindrücke in Menge und
gemeinschaftlich empfangen und einander wie zurückgeworfene
Strahlen der Sonne mitteilen, desto mehr nehme auch die
Wärme und Erleuchtung zu, die aus ihr quelle: und so werde
dichterischer Glaube Glaube des Volkes, Quell seiner Sitte und
seiner Glückseligkeit.
Muß noch gesagt werden, wie diese Freistellung der Selbst—
herrlichkeit des Dichters, diese Inthronisierung der Poesie im
Mittelpunkte des neuen Seelenlebens der freien Persönlichkeit
und doch wieder ihre Ableitung aus den historischen wie seelischen
Urgründen alles Menschenlebens: ihre Verknüpfung mit Mensch-
heit, Volkstum und einem Künstlerdasein subjektiver Seelen⸗
herrschaft über die menschliche Umwelt: wie sie auf die der
Dichtung zugewandten Zeitgenossen, wie auf die Dichter selber
wirken mußte? Während Herder, mehr von anregender als
schöpferischer Produktivität, in den Kritischen Wäldern (1769),
der Ältesten Urkunde des Menschengeschlechtes (1774), vor allem
der Ausgabe der Volkslieder (1778 —79) seine Anschauungen
zu einer immer geschlosseneren Lehre ausbaute und mit feinem
Geschmacke die beweisenden Denkmäler für sie sammelte, zogen
die neuen Dichter immer mehr seines Weges: allen voran
Goethe, der jetzt schon als geistiger Heros und Führer zu willig—
unwilliger Anerkennung gelangte.