Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

146 
Zweiundzwanzigstes Buch. 
und ihre Bewegung ein taumelnder Tanz.“ Es sind die Ge— 
heimnisse seiner Lehre, die er seinem Landsmann Herder ins 
Herz senkte, und die in diesem Herzen Frucht trugen hundertfalt. 
In seiner Straßburger Zeit, nach den Erfahrungen längerer 
Reisen und in der Durchbildung der Einfälle Hamanns zu 
einem vollen selbsterlebten Systeme, lehrte Herder, der wahre 
Dichter sei nur Dolmetscher der Natur hinein in die Seele 
und das Herz seiner Brüder. Aus ihm wirke im Grunde 
nicht er selber, sondern die ganze Welt der Leidenschaft und 
Handlung, die die Natur in ihn gelegt habe: die strebe nach 
außen durch das Mittel der Sprache: und sie wirke um so 
mehr, je wahrer, kenntlicher und stärker die Sprache im Aus— 
drucke der sie begleitenden Empfindungen sei. Und auf je 
mehr Menschen sie wirke, die ihre Eindrücke in Menge und 
gemeinschaftlich empfangen und einander wie zurückgeworfene 
Strahlen der Sonne mitteilen, desto mehr nehme auch die 
Wärme und Erleuchtung zu, die aus ihr quelle: und so werde 
dichterischer Glaube Glaube des Volkes, Quell seiner Sitte und 
seiner Glückseligkeit. 
Muß noch gesagt werden, wie diese Freistellung der Selbst— 
herrlichkeit des Dichters, diese Inthronisierung der Poesie im 
Mittelpunkte des neuen Seelenlebens der freien Persönlichkeit 
und doch wieder ihre Ableitung aus den historischen wie seelischen 
Urgründen alles Menschenlebens: ihre Verknüpfung mit Mensch- 
heit, Volkstum und einem Künstlerdasein subjektiver Seelen⸗ 
herrschaft über die menschliche Umwelt: wie sie auf die der 
Dichtung zugewandten Zeitgenossen, wie auf die Dichter selber 
wirken mußte? Während Herder, mehr von anregender als 
schöpferischer Produktivität, in den Kritischen Wäldern (1769), 
der Ältesten Urkunde des Menschengeschlechtes (1774), vor allem 
der Ausgabe der Volkslieder (1778 —79) seine Anschauungen 
zu einer immer geschlosseneren Lehre ausbaute und mit feinem 
Geschmacke die beweisenden Denkmäler für sie sammelte, zogen 
die neuen Dichter immer mehr seines Weges: allen voran 
Goethe, der jetzt schon als geistiger Heros und Führer zu willig— 
unwilliger Anerkennung gelangte.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.