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Zweiundzwanzigstes Buch.
Gestaltenbildung in seinem Drama in der Tat die glänzende
Erscheinung eines ersten psychologischen Dramas der modernen
europäischen Entwicklung gezeitigt hat. Aber daneben erscheinen
doch noch so viele Zeichen eben nur der Zeit des 16. Jahr⸗
hunderts, daß von einer vollen Nachahmung, ja auch nur
einer unmittelbaren Fortsetzung dieses Vorläufers früher Zeit
zum Nutzen der deutschen Dichtung in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts nicht die Rede sein konnte.
Zunächst war jetzt die tatsächliche Welt der Charaktere,
aus der heraus künstlerisch zu gestalten war, nicht mehr die
der Zeit des großen Briten. Shakespeare hat vor der Aus—
bildung des Polizeistaates gelebt, in einem Jahrhundert, in
dem sich menschliche Leidenschaften noch in ganz anderen Formen
auszutoben pflegten als später, als namentlich in dem zahmen
Deutschland des 18. Jahrhunderts. Darum sind seine Dramen
erfüllt von Gewalttätigkeit: von Mord und Blutschuld, von
Unterdrückung und von offener Auflehnung gegen elementarste
Gesetze des Staates und der Kirche. Und dementsprechend sind die
Charaktere gezeichnet: nicht mit intimen Zügen, sondern mehr
„mit der expansiven als der intensiven Seite der Phantasie“n,
nicht in innerlicher Entwicklung, sondern in äußerer Aus—
wicklung vorhandener Eigenschaften in schweren Taten. Und
indem die Charaktere so gestaltet sind — in Formen der Leiden⸗
schaften leben, die sich zu allen Zeiten bisher gefunden zu haben
schienen, wie sie denn auch heutzutage noch, wenn auch vor⸗
nehmlich nur in den unteren Klassen der Gesellschaft vorhanden
sind —, war es zugleich möglich, das Drama ideal zeitlos zu
gestalten: und ihm in diesem Sinne alle großen Stoffe der
Gegenwart und der Vergangenheit, aus dichterischer und geschicht⸗
licher Uberlieferung, aus der Tradition der Welt wie der der
Offenbarung zuzuführen. Ließ sich nun aber eine solche Be—
handlung auch noch im 18. Jahrhundert, und selbst in den
Zeiten des Sturmes und Dranges, durchführen? Es soll nicht
einmal davon die Rede sein, daß sich die tiefsten Fundamente
Otto Ludwig, Gesammelte Schriften 5, 77.