Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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der Grundfaktoren der Goetheschen Kunst, tritt mehr hervor, 
und breit hat er schon den Ausgang des 18. Jahrhunderts 
beherrscht: „Reinecke Fuchs“ ist 1794 erschienen, „Wilhelm 
Meisters Lehrjahre“ 1795—96, die „Römischen Elegien“ 1795, 
„Alexis und Dora“ 1796, die Balladen und „Hermann und 
Dorothea“ 1797: lyrisch durchzogene Erzählung, Epos ver— 
schiedener Formgebung und Roman beherrschen das Feld. Und 
eben indem die Dichtung Goethes diese Wendung nimmt, er⸗ 
steigt sie eine letzte, höchste entwicklungsgeschichtliche Stufe des 
Klassizismus. 
Zwar die Balladen brachten, wie wir wissen!, keine neue 
Form des Epos: die short story in Versen war, zum Teil 
in Anknüpfung an englische Vorbilder, schon von Schubart 
und Bürger wie anderen, vereinzelt auch von Goethe selbst, 
aus dem deutschen Bänkelgesang entwickelt worden. In welcher 
Veredlung wurde aber diese Form von Goethe und im engsten 
Zusammenhange mit dem Freunde zugleich von Schiller gepflegt. 
Das Jahr 1797 wurde von Schiller das Balladenjahr genannt; 
es schenkte der Nation aus dem reichen Schoße der Dioskuren 
fast möchte man sagen die schönsten all der Gedichte, deren 
Form und Inhalt noch heute vor allem die Jugend entzückt. 
Für Goethe bedeutete das den Verzicht eines innerlichen Be— 
itzes, den er, zum großen Teile schon in fertiger Form, seit 
langem in sich getragen und an dessen Vortrag er sich heim— 
lich ergötzt hatte: so sind seine Balladen kurz, schlagend, von 
geschliffenstem Feuer und doch behaglichem Glanze: es ist die 
Fortsetzung der Bürgerschen Ballade ihrer inneren Tendenz 
nach. Schillers Balladen dagegen entstanden zumeist erst im 
edlen Wettbewerbe mit Goethe; darum sind sie gleichsam ge— 
— 
berlaufen mehr in der Richtung einer Fortsetzung der äußeren 
Balladenform Bürgers. Doch wer will im einzelnen scheiden, 
was in diesem reichen Kranze dem einen oder dem anderen 
der Dioskuren angehört? Wir wissen, daß sie die Stoffe unter 
S. oben S. 454ff.
	        
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