Neue Dichtung.
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Formen die geistige Gesellschaft der zweiten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts dazu überging, erste Vermutungen über die not—
wendigen öffentlichen Formen des neuen Seelenlebens, über
einen subjektivistischen Staat der Zukunft also, zu äußern.
Und wir haben schon erfahren!, daß man als eine unumgäng—
liche Vorarbeit für die Bildung dieses neuen Staates die Er⸗
ziehung der Zeitgenossen zu voller subjektivistischer Lebens—
haltung forderte. Von diesem Standpunkte aus also ergriff
Goethe das Thema: und in diesem Sinne ist sein Roman ein
Beitrag zur Geschichte auch der politischen Theorien.
Wie aber faßte er nun diese Erziehung auf? Sein Wil—
helm Meister ist ein Sohn wohlhabender bürgerlicher Eltern,
der in zweierlei Kreise gerät, Kreise des Theaters und Kreise
des Adels. Auf den ersten Augenblick eine sehr merkwürdige
Zusammenstellung. Indes läßt der Verlauf des Romanes
keinen Zweifel, wie sie gemeint ist. Wilhelm Meister soll in
den Schauspielerkreisen zum Künstler gleichsam der Kunst, in
den Adelskreisen aber zum Künstler des gesellschaftlichen Lebens
erzogen werden: um ästhetische Erziehung handelt es sich in
beiden Fällen, um eine Erziehung zugleich auch ethischen
Charakters, insofern edle Sitte sich der Kunst vermählt: um
die Verwirklichung mithin von Idealen, wie sie in verwandter
Weise Schiller in seinen Briefen über ästhetische Erziehung
vorschwebten. Und das hat Schiller sehr wohl empfunden,
wenn er von Wilhelm Meister sagte: „er tritt von einem
leeren und unbestimmten Ideale in ein bestimmtes tätiges
Leben, aber ohne die idealisierende Kraft dabei einzubüßen.“
Indem aber Wilhelm Meister in idealisierender Kraft
dahinlebt, hebt seine Erziehung zugleich auch alle anderen Ge⸗
stalten des Romans ins Ungemeine: sie sind alle typisiert, be—
deuten mehr als Individuen, sind Ausdruck von Tendenzen
und allgemeinen Zusammenhängen. Und diese Typisierung
der Gesialten steigert sich da, wo über dem Ungemeinen noch
das Außerordentliche gegeben werden soll, fast ins Allegorische.
S. oben S. 294 ff.