Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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Gestalten leben. Dann bewegen sich die Charaktere für den 
Zuschauer frei von einem als fremd empfundenen Zwange 
und treten ganz in den Mittelpunkt der Handlung: und es 
entsteht das realistische Drama. 
Anders liegt der Fall, wenn das Schicksal nicht als etwas 
Selbstverständliches gilt: wenn es als eine als etwas Be— 
sonderes empfundene Kraft die Gestalten überwältigt. Dies 
kann geschehen entweder dadurch, daß Probleme früherer, nun 
historisch gewordener Schicksalsformen aufgeworfen werden, 
oder dadurch, daß ein Pflichten- und Rechtskoder, vielleicht 
sogar eine Kausalität angenommen wird, die erst der Zukunft 
angehört. Dann treten die Gestalten natürlich unter den 
Zwang dieser Schicksale. Können sie aber unter diesen Um— 
ständen noch realistisch gefaßt werden? Die Frage wäre zu 
hejahen, wenn es gelänge, sie auf den Boden eines Seelen— 
lebens zu stellen, das den Anforderungen des anders gearteten 
Schicksals entspricht. Das ist aber niemals ganz möglich; denn 
es hieße für den Dichter Veränderung seines Verhältnisses zu 
seiner Zeit und damit seines geistigen Selbsts. Wohl aber 
kann der Dichter anzupassen suchen. Und bei diesem Vorhaben 
wird ihm die fremde Schicksalsart helfen, indem sie die Ge— 
stalten in ihre Atmosphäre zu ziehen suchen wird. Es ist eine 
der Arten, in welcher das idealistische Drama entstehen kann: 
denn indem die Gestalten der Typik einer besonderen Schicksals— 
idee unterliegen, verfällt ihre Darstellung ohne weiteres einem 
besonderen Stile. 
Dies idealistische Drama ist dann aber entweder historisch: 
—in diesem Falle erscheinen die Gestalten früheren Schicksals— 
deen unterworfen und dadurch gebunden, stilisiert: um so 
stärker stilisiert, je mehr die Schicksalsidee Zeiten gebundenerer 
Kultur als der heutigen, insbesondere etwa mystischen Zeiten. 
der Urzeit oder dem Mittelalter angehört. 
Oder aber das idealistische Drama wird Zukunftsdrama, 
Tendenzdrama: dann erscheinen die Gestalten an Forderungen 
einer ersehnten Kultur, an ein Schicksal der Zukunft geknüpft 
und dadurch stilisiert: — insofern aber dies Schicksal freier
	        
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