Bildende Kunst und Musik.
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des Umrisses. Allein genügten diese Momente zur malerischen
Wiedergabe der Erscheinungen? Die Notwendigkeit selbst schon
einfachster Reproduktion zwang zu schärferem Sehen, energischerer
Erinnerung des Geschauten.
Der Probleme, die damit auftauchten, war Legion. Was
alles kann der Beobachtung eines scharfen und gedächtnisstarken
Auges unterliegen! Aber der Hauptsache nach handelte es sich
doch um zwei große Momente, die zu erfassen waren: um den
einzelnen Gegenstand, und um den Gegenstand als Teil, als
Inhalt des Raumes.
Und da ist es denn charakteristisch, daß die deutsche
nationale Kunst viele Jahrhunderte hindurch zunächst nur den
einzelnen Gegenstand zum Objekt der Wiedergabe gemacht hat.
Dabei ging sie keineswegs von einer Erfassung der Erscheinung
aus, die, nach unserem Auge, auch nur den gröbsten Merk⸗
malen mit Schärfe gerecht geworden wäre. Wiedergegeben
wurde anfangs von der Farbe — die naturgemäß für den
einzelnen Gegenstand nur hätte Lokalfarbe sein können —
nichts; vom Umriß nur die Summe der allerbezeichnendsten
Momente. So war das Ergebnis nach unseren Begriffen das
Ornament: ausschließlich ornamental war die deutsche Kunst
bis ins 11. Jahrhundert, teilweise ornamental noch bis ins
dreizehnte. Gewiß war diese rein nationale Entwicklung leise
schon seit dem stärkeren Verkehr mit dem Mittelmeer, der mit
dem Auftreten der Römer an der Süd- und Westgrenze ein⸗
setzte, durch fremde Elemente gestört; und gewiß wurde sie
aoch mehr beeinflußt durch die Einwanderung der Franken
und Alemannen nach Gallien und die karlingische und otto—
nische Renaissance: alle diese Bewegungen brachten eine steigende
Kenntnis der höher entwickelten antiken Kunst. Aber trotzdem
behielt die deutsche Kunst da, wo sie frei vom Gängelbande
der Antike schuf, ganz, und auch sonst noch vorwiegend, ihren
ornamentalen Charakter; noch aus dem 12. Jahrhundert be⸗
sitzen wir Landschaften, die nur aus einer Summe von Orna⸗
menten bestehen. Dem ornamentalen Grundcharakter dieser
Kunst aber entspricht es, wenn bis in diese Zeit hinein eine
Lamdbrecht. Deutsche Geschichte. VIII. 2. 7