Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 
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des Umrisses. Allein genügten diese Momente zur malerischen 
Wiedergabe der Erscheinungen? Die Notwendigkeit selbst schon 
einfachster Reproduktion zwang zu schärferem Sehen, energischerer 
Erinnerung des Geschauten. 
Der Probleme, die damit auftauchten, war Legion. Was 
alles kann der Beobachtung eines scharfen und gedächtnisstarken 
Auges unterliegen! Aber der Hauptsache nach handelte es sich 
doch um zwei große Momente, die zu erfassen waren: um den 
einzelnen Gegenstand, und um den Gegenstand als Teil, als 
Inhalt des Raumes. 
Und da ist es denn charakteristisch, daß die deutsche 
nationale Kunst viele Jahrhunderte hindurch zunächst nur den 
einzelnen Gegenstand zum Objekt der Wiedergabe gemacht hat. 
Dabei ging sie keineswegs von einer Erfassung der Erscheinung 
aus, die, nach unserem Auge, auch nur den gröbsten Merk⸗ 
malen mit Schärfe gerecht geworden wäre. Wiedergegeben 
wurde anfangs von der Farbe — die naturgemäß für den 
einzelnen Gegenstand nur hätte Lokalfarbe sein können — 
nichts; vom Umriß nur die Summe der allerbezeichnendsten 
Momente. So war das Ergebnis nach unseren Begriffen das 
Ornament: ausschließlich ornamental war die deutsche Kunst 
bis ins 11. Jahrhundert, teilweise ornamental noch bis ins 
dreizehnte. Gewiß war diese rein nationale Entwicklung leise 
schon seit dem stärkeren Verkehr mit dem Mittelmeer, der mit 
dem Auftreten der Römer an der Süd- und Westgrenze ein⸗ 
setzte, durch fremde Elemente gestört; und gewiß wurde sie 
aoch mehr beeinflußt durch die Einwanderung der Franken 
und Alemannen nach Gallien und die karlingische und otto— 
nische Renaissance: alle diese Bewegungen brachten eine steigende 
Kenntnis der höher entwickelten antiken Kunst. Aber trotzdem 
behielt die deutsche Kunst da, wo sie frei vom Gängelbande 
der Antike schuf, ganz, und auch sonst noch vorwiegend, ihren 
ornamentalen Charakter; noch aus dem 12. Jahrhundert be⸗ 
sitzen wir Landschaften, die nur aus einer Summe von Orna⸗ 
menten bestehen. Dem ornamentalen Grundcharakter dieser 
Kunst aber entspricht es, wenn bis in diese Zeit hinein eine 
Lamdbrecht. Deutsche Geschichte. VIII. 2. 7
	        
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