Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
bürgerliche Kunst eingelenkt; damals, seit 1755, schuf Greuze 
seine berühmten bourgeoisen Bilder, erschienen eins nach dem 
anderen jene eleganten Büchelchen in Taschenformat, in denen 
Meister wie Gravelot, Cochin und Eisen Molières „Komödien“ 
oder Ovids „Metamorphosen“ oder die „Novellen des Boccaccio“ 
für das lesende Publikum mit feinen Stichen illustrierten. Es 
war die doppelte Tätigkeit, die sich schon bei Hogarth findet: 
das Olbild in kleineren, „bürgerlichen“ Formaten für die 
reicheren Familien und das Kupfer oder sonst eine Art der 
reproduzierenden Kunst für die ärmere und doch bildungs— 
bedürftige und bildungsfähige Masse. Nur daß da, wo es 
Hogarth heiliger Ernst war und ihm der Wahrheitseifer den 
strengen Stil der Karikatur eingab, die Franzosen vielmehr 
frivol und verlogen, pikant und anmutig-konventionell zu 
schaffen wußten. 
Deutschland, das um einige Jahrzehnte später die Wege 
sozialer Entwicklung Englands und Frankreichs betrat, hat zu 
der eigentlichen Maltätigkeit Hogarths und Greuzes kaum ein 
volles Gegenbild aufzuweisen; für Olmalerei war unser Bürger⸗ 
tum im allgemeinen zu arm, unsere Kultur zu philisterhaft. Im 
Kupfer aber wurde Chodowiecki unser Hogarth und unser 
Gravelot, unser Cochin und unser Eisen zumal — si parva 
licet componeère magnis. 
Chodowiecki wurde im Jahre 1726 in Danzig geboren 
und ist erst ziemlich spät, fast dreißig Jahre alt, zudem noch 
mit wesentlich autodidaktischer Bildung, in seine eigentliche 
künstlerische Heimat, nach Berlin gekommen; zur Illustration, 
seiner wichtigsten Tätigkeit, gelangte er gar erst um sein vier— 
zigstes Jahr. Es ist das Gebiet, das ihn den Zeitgenossen 
vor allem lieb und wert machte; mit seinen Bildchen kleinen 
und kleinsten Formates ist er der erste Illustrator unserer 
Klassiker, aber auch englischer und französischer Duodezformate 
geworden: so konnte man ihn hübsch ständig mit sich herum— 
tragen in einer Zeit, die ganz der Literatur lebte, und der 
ein literarisches Buch etwa in gleicher Art mit zur Kleidung 
zehörte, wie dem 15. Jahrhundert das Gebetbuch oder dem
	        
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