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Zweiundzwanzigstes Buch.
Acapellastil begann auszusterben; wo der Gesang erscholl, da
erschollen unzertrennlich von ihm zugleich die Instrumente. Allein
eben nur mit ihm zunächst; ihm noch untergeordnet, als
wichtige Begleitmittel musikalischen Ausdruckes der Empfindung.
Und selbst da, wo das Orchester selbständig gestellt wurde,
waren es doch nicht mehr so sehr die einzelnen Instrumente,
die gegeneinander exerzierten, wie vielmehr ein Instrument
oder eine Instrumentengruppe, z. B. die Geigen, die als Ver—
treterinnen gleichsam der menschlichen Stimme die Führung
erhielten derart, daß sich die anderen Instrumente ihnen unter⸗—
ordneten.
Konnte es anders sein? Wenn es sich um Beseelung des
Tones handelte, ja selbst wenn anfangs nur eine gewisse Ver—
edlung des schönen Tones ins Auge gefaßt war: wie konnte
sie sich anderswo vollziehen als im Bereiche der menschlichen
Stimme, in die die Seele sozusagen unmittelbar überfloß?
Es war ein so zwingender Zusammenhang, daß sich ihm sogar
die Beseelung der Instrumente fügte; und die instrumentale
Kantilene wurde damit zu einer Analogiebildung, zu einem
Gegenstück der vokalen.
Indem aber der Drang, die Musik nicht bloß als Aus—⸗
druck und Gewebe objektiv gefälliger Tonerscheinungen dienen
zu lassen, sondern sie vielmehr als Ausdrucksmittel tiefster
subjektiv-menschlicher Empfindungen zu behandeln, dieses
Weges führte, kam es zu einer völligen Revolution des bis—
herigen musikalischen Stiles. Aufgegeben werden mußte der
polyphone Stil so vieler Jahrhunderte, in dem jede Stimme
gleichberechtigte Hauptstimme gewesen war: mithin ein Zu—
sammenklang objektiv gedachter und so geführter Stimmen
stattgefunden hatte. Und eingeführt wurde — langsam natür—
lich, in tausend Übergängen, die selbst in ihren sichtbarsten
Formen meist mehr als ein Menschenalter umfaßten — ein
neues beherrschendes Stilprinzip, die Homophonie: eine Haupt—
stimme mit Begleitung, eine klare, das innere Leben des Ton⸗
stückes, das nun zur Dichtung wird, zum Ausdrucke bringende,
durch Harmonisierung zur Wiedergabe auch schon sublimierter