Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweiundzwanzigstes Buch. 
rungen der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch aus⸗ 
reichend bewiesen worden, daß die Gleichsetzung von Grund 
und Ursache verkehrt ist. Und was die zweite Begründung 
anlangt, so versteht es sich, daß wir es hier mit einem Beweis 
metaphysischen Charakters zu tun haben: sie beruht auf der 
Annahme Gottes als der wie auch immer regulierenden Kraft 
zwischen Denken und Ding, d. h. tiefer betrachtet auf einer 
Fassung des Gottesbegriffs, die dem Zeitalter des In divi⸗ 
dualismus innerlich durchaus entsprach und darum auch be— 
sonders geläufig war. 
Nun hat gewiß die rationalistische Erkenntnistheorie in 
Deutschland niemals in der schroffen Konsequenz bestanden, zu 
der sie anderswo Descartes und nach ihm vor allem Spinoza 
entwickelt haben. Vielmehr hat sich schon Leibniz, wenn auch 
auf verworrenen Pfaden, von ihr zu trennen gesucht, und 
auch Wolff erkannte zwar ihre Grundlagen völlig an, ließ 
aber dennoch neben ihr stillschweigend die Erkenntnis aus Er— 
fahrung als wissenschaftlich systembildend zu. Allein im ganzen 
war doch das Denken von ihr noch bis weit über die Mitte 
des 18. Jahrhunderts beherrscht; und auf ihr beruhte 3. B. 
eine so wichtige Erscheinung wie der Anhistorismus des Zeit⸗ 
alters. 
Wie sollte da nun das neu heraufziehende Zeitalter von 
ihr loskommen? Es geschah in Deutschland zunächst mit einem 
gewaltsamen Ruck, in einer einstweilen allzuweit gehenden 
Reaktion, die jeden Glauben an die Möglichkeit wirklicher Er⸗ 
kenntnis zu zerstören drohte. Der Auffassung, daß die Welt 
der Erscheinungen ganz unserem Denken entspräche, setzte man 
die in einem mehr oder minder, absoluten Phänomenalismus 
wurzelnde Behauptung entgegen, daß wir überhaupt nicht im⸗ 
stande wären, von der Wirklichkeit der Gegenstände etwas zu 
erkennen; mit anderen Worten: daß wir die Welt nur als 
Summe unserer Wahrnehmungen über sie begriffen. 
Es ist eine Richtung des Philosophierens, die jedem natur— 
wissenschaftlichen Denken naheliegt; und fie ist darum alt 
genug: schon Protagoras hat in dieser Hinsicht den viel—
	        
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