Neue Weltanschauung.
361
höher zu bewerten sei. Er trug daher seine praktische Philo—
sophie auch in genauem Zusammenhang mit der theoretischen
und zwar im Sinne einer Ableitung aus dieser vor.
Da war es nun ein grundlegendes Ergebnis der Er—
kenntnistheorie gewesen, daß unsere Erkenntnis der Erscheinungs⸗
welt nicht eine absolute Erkenntnis ist, sondern eine relative,
unserem Auffassungsvermögen entsprechende; oder objektiv aus⸗
gedrückt: daß neben der sensiblen Welt, welche Gegenstand
unserer Erfahrungserkenntnis ist, eine andere Welt steht, eine
intelligible, als Gegenstand einer absoluten, uns im allgemeinen
unzugänglichen Erkenntnis. Indes an einer Stelle schien nun
eine solche absolute Erkenntnis dennoch zugänglich, nämlich
mit Hinsicht auf unser eigenes Ich. Der Mensch ist ja zu—⸗
nächst ein Sinnenwesen: als solches gehört er der Welt der
Erscheinungen an. Aber der Mensch ist auch ein intelligibles
Wesen: als solches ist er ein Wesen an sich, gehört hinein in
die Welt der absoluten Erkenntnis. Was hat diese Doppel⸗
tellung nun für Folgen?
Wir haben zur sinnlichen Welt Beziehung durch das
wissenschaftliche Erkennen, zur intelligibeln Welt durch das
Wollen. Der Wille ist also die Tätigkeit erst unseres innersten
Innern, unseres eigentlichen, hinter der Welt der Erscheinungen
stehenden Wesens. Als solcher muß er natürlich ein intelligibles
Vermögen sein. Kant erbringt den Nachweis hierfür, indem
er ausführt, als Bedingung aller Willenshandlungen könne
der Wille nicht im Sinne des Erkennens eine Erscheinung sein,
denn erst seine Folgen, die Willenshandlungen seien Er—
scheinungen. So werde es notwendig, ihn im Sinne des Ver⸗
mögens, eine Reihe von Handlungen von Anfang zu beginnen,
als eine jenseits der Erkenntnistätigkeit liegende Urkraäft der
Seele zu betrachten.
Dieser Wille nun ist als intelligibles Vermögen frei; er
steht im Gegensatze zum Zwang. Es gibt daher für feine
Auswirkung keinerlei bedingende Regeln, wie sie für die Aus—
wirkung des Verstandes in den Formen der Anschauung und
der Allgemeinbegrifse vorhanden sind; er kennt nicht das