Neue Weltanschauung.
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legen . eigentlich das Objekt des seligmachenden Glaubens“
sei, und ein solcher Glaube erschien ihm dann „einerlei mit
dem Prinzip eines Gott wohlgefälligen Lebenswandels“. Oder
wie er den Unterschied einmal besonders anschaulich bezeichnet:
„Der Satz: Man muß glauben, daß es einmal einen Menschen,
der durch seine Heiligkeit und Verdienst sowohl für sich ..
als auch für alle anderen genug getan, gegeben habe, .. um
zu hoffen, daß wir selbst in einem guten Lebenswandel, doch
nur kraft jenes Glaubens, selig werden können, dieser Satz
sagt ganz etwas anderes als folgender: man muß mit allen
Kräften der heiligen Gesinnung eines Gott wohlgefälligen
Lebenswandels nachstreben, um glauben zu können, daß die
(uns schon durch die Vernunft versicherte) Liebe desselben zur
Menschheit, sofern sie seinem Willen nach allem ihren Ver—
mögen nachstrebt, in Rücksicht auf die redliche Gesinnung den
Mangel der Tat, auf welche Art es auch sei, ergänzen
werde.“
Man sieht den ganzen Abstand dieser Lehre nicht bloß
von der katholischen, nein auch von der altevangelischen Auf—⸗
fassung etwa Luthers: keine Gnadenmittel, keine besondere
Person eines Mittlers überhaupt; Selbstverantwortung und
Selbsterlösung wenigstens im Sinne subjektiver Annahme des
Erlöstseins gleichviel durch welche göttlichen Mittel, Verlegung
der objektiv und transzendent gedachten Heilsvorgänge des
Christentums in das Subjekt im Sinne einer inneren Trans—
szendenz: das ist die Meinung. Und in ihr tritt auch auf
religiösem Gebiete jenes starke Selbstbewußtsein des Subjekts
zutage, das Selbstbewußtsein des neuen seelischen Zeitalters,
dem Kant einmal in dem Zitate aus Versius Ausdruck ge—
geben hat:
SJuod petis. in te est; cur te quaesivéris éxtra?
Kant aber sah die Zeit dieses neuen Glaubens nahe herbei—
gekommen: ausdrücklich erklärte er von allen bekannten Zeit—
Religion innerh. d. Gr. d. bl. Vern. S. 127.
A. a. O. S. 128.