Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
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sich selbst in die Natur hinüber. Alle unsere Gedanken von 
Organisation gehen ursprünglich vom Menschen aus; daher 
läßt sich ein tiefer Blick in die Beschaffenheit der Organisation 
auch der leblosen Natur nicht ohne physiologische Kenntnis des 
Menschen tun. — Aber physiologische Kenntnis des Menschen 
ist nicht ohne psychologische möglich. Darum ist es im höchsten 
Verstande wahr, daß jeder nur in dem Grade Fülle und 
Schönheit außer sich wahrnimmt, in welchem er beide im 
eigenen Busen bewahrt.“ Extremer Subjektivismus trotz aller 
Intuition ins Allgemeine, das war das Ergebnis, und dem 
Klassizismus der idealistischen Zeit folgte die Romantik. — 
Wollte man nun aber eindringende Anschauung als Prinzip 
des Erkennens auf die Welt der Erscheinungen anwenden, so 
ergaben sich im Bereiche des menschlichen Seelenlebens, und das 
heißt vor allem in den weiten Bezirken der Geschichte, alsbald 
die größten Schwierigkeiten; und vielleicht auch deshalb hat 
sich Goethe diesem Gebiete weniger eingehend zugewandt. Er 
konnte wohl noch in späteren Jahren sagen, Geschichte schreiben 
sei eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen, und 
meinte, die Historiker hätten Sorge zu tragen, daß das 
Publikum nicht in das Geheimnis hineinsehe, wie wenig in 
der Geschichte als entschieden ausgemacht kann angesehen 
werden“. Dieser klare Verzicht auf tieferes Eindringen hat 
indes den Dichter nicht gehindert, gelegentlich allgemeinere 
Eindrücke auch für das historische Gebiet auszusprechen; denn 
immerhin war er überzeugt, daß große, von Ewigkeit her oder 
in der Zeit entwickelte, ursprüngliche Kräfte unaufhaltsam auch 
in der Geschichte walten. So finden sich bei ihm wertvolle 
Beobachtungen zu jener geschichtlichen Ideenlehre, die später 
das Denken Rankes beherrscht hat, und es ist bezeichnend, wie 
sie sich durch Schärfe des Urteils von verwandten Aussprüchen 
selbst auch Rankes unterscheiden. „Eine jede Idee tritt als 
ein fremder Gast in die Erscheinung, und wie sie sich zu 
realisieren beginnt, ist sie kaum von Phantasie und Phantasterei 
zu unterscheiden.“ „Eine große Idee, sobald sie in die Er— 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 925
	        
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