Anhang.
das Latein die Sprache des kosmopolitschen Clerus gewesen,
so wurde das Deutsche zum Ausdruck der ungleich mehr natio—
nalen Gefühle der Ritterschaft. Damit wurde die deutsche
Poesie zum guten Theil Standespoesie, ihr Character erfuhr
eine vollständige Umgestaltung. Dies schon in der Form: war
früher Alles einfacher, bewegte sich der Ausdruck fast stets in
herkömmlichen Wendungen ohne den beseelenden Einfluß der
Persönlichkeit, so ertönt jetzt die Sprache in individueller Be—
handlung des Dichters, die Fügung der Sätze wird kunstreich
und geschmackvoll. Die allitterierende Form der ältesten Dichtung
hatte ein festes Gefüge objectiver Ausdrucksnormen geschaffen,
auch die althochdeutschen Reimpaare gestatteten wenig indivi⸗
duelle Durchbildung: jetzt aber zeigt sich mit dem Aufkommen
der lyrischen Strophe ein ungeahnter Reichthum verschieden⸗
artiger Töne, welche jedem Dichter persönlich eignen und sich
un jede Stimmung, jeden originellen Gedanken aufs Innigste
anschmiegen. Im Inhalt dagegen finden sich noch mannigfache
Zusammenhänge mit der epischen Vergangenheit des 10. und
11. Jahrhunderts. Die Zeit interessiert sich noch wenig für
sich selbst; der Zeitroman wurde noch nicht erfunden. Zwar
zeigen sich schon die ersten tastenden Spuren der Novellistik in
den Wundergesprächen des Caesarius von Heisterbach, aber es
ist bezeichnend, daß dieselben, obwol erst in der ersten Hälfte
des dreizehnten Jahrhunderts entstanden, doch der lateinischen
Litteratur angehören. Erst später treten die deutschen Vorläufer
dieser Gattung, die Schwänke und kleinen Erzählungen auf;
aber sie liegen nicht in der Richtung der höfischen Poesie, sondern
entspringen der bürgerlichen Vorliebe für Selbstbespiegelung.
Die höfische Dichtung dagegen liebt rein epische Stoffe. Doch
war sie ihrer selbst noch nicht sicher genug, um den großen
einheimischen Sagenkreisen gegenüber festen Fuß zu fassen. Sie
mied möglichst eine Bearbeitung derselben, welche sie leicht in
die überwundene volksthümliche Entwicklung hätte zurückwerfen
können. Sie suchte fremde Epenstoffe auf — schon früh, in
der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, wurden dieselben
aus Frankreich eingeführt — und gewann damit die Bedingung