Object: Gesellschaftslehre

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86 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
Gesinnung der Liebe, sondern entspringt aus einem hinzutretenden Zu- 
stand, der die Mängel nicht sehen will, der sie also abweist, obwohl sie 
sich der Seele im Hintergrunde aufdrängen. Man erträgt in diesem Zu- 
stande nicht, den Dingen ins Gesicht zu sehen. Das beruht gerade auf 
einem Mangel an Liebe; denn die volle Liebe erträgt auch Mängel an 
ihrem Gegenstande, weil sie, ihn als Ganzes genommen, seines Wertes 
unbedingt sicher ist. Nach außen kann derselbe Sachverhalt auch durch 
Regungen des Selbstgefühles hervorgerufen werden, das nach außen hin 
Mängel nicht zugeben will, ohne daß der Abstreitende sie vor sich selber 
zu verkennen braucht. In diesem Sinne pflegen die Familie oder die 
Sippe Mängel oder Fehler ihrer Angehörigen, Staat und Nation Ent- 
gleisungen ihrer Vertreter nach außen hin nicht gerne zuzugeben und sich 
gegen eine Kritik zu sträuben. Sie können so nach außen blind er- 
scheinen, ohne es zu sein. Gerade diesen Glauben an den Wert der eigenen 
Gruppe oder Gruppenangehörigen enthält die Gesinnung der Liebe in 
sich, er ist daher an sich notwendig mit dieser gegeben. — 
Die Liebe bedeutet ihrem Wesen nach eine besondere Bereitwillig- 
keit, das Gute zu erfassen, derart, daß sie über das in der Erfahrung 
Gegebene hinausgeht, jedoch nicht in der Form willkürlicher Einbildung, 
sondern so, daß sie das Bildungs- und Wesensgesegß ihres Gegenstandes 
erfaßt und von daher seinen ganzen in der Erscheinung oft getrübten 
Gehalt hell aufleuchten läßt. In diesem Sinne bezeichnet schon Plato 
sie im Gastmahl als eine Bewegung vom Nichtseienden zum Seienden, 
Scheler als „eine Bewegung, die vom niederen zum höheren Wert geht 
und in der jeweilig der höhere Wert eines Gegenstandes oder einer 
Person erst zum Aufbligen kommt“. Die Liebe zeichnet der empirisch 
gegebenen Person immer deren ideales Wertbild gleichsam voraus, das 
dennoch zugleich als ihr wahres und wirkliches, nur noch nicht im Füh- 
len gegebenes echtes Dasein und Wertsein in einem erfaßt ist*). Die 
Liebe erblickt ihren Gegenstand im Licht der göttlichen Idee, auf deren 
Verwirklichung er angelegt ist. Realisiert ist diese Idee in ihm nur 
mangelhaft. Die reine Liebe übersieht diese Mängel nicht etwa einfach 
durch Täuschung und phantastische Auffassung, wohl aber erhebt sie 
sich über sie in ihrem Schwunge und hebt sie gleichsam auf in dem Bilde 
der Vollkommenheit, das für sie das eigentliche Wesen ihres Gegen- 
standes ausmacht. In der Liebe erreicht so jeder Gegenstand „sein ideales 
Wertwesen, das ihm eigentümlich ist“ (Scheler S. 187). 
Die Liebe umfaßt mehr, sagten wir, als die Geschlechtsliebe. Ihr 
Begriff ist in der Tat ein Gattungsbegriff. Die Sprache unterscheidet 
einfach verschiedene Arten der Liebe nach ihrem Gegenstande. 
11 Max Scheler, Wesen und Form der Sympathie. S. 176 f.
	        
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