thumbs: Neueste Zeit (Abt. 3)

320 Zweiundzwanzigstes Buch. 
Richtung dentlicher, als die steigende Wichtigkeit und der volle 
Umbau der Tierpsychologie. Fern jeder Annahme ihrer Aus— 
stattung mit dynamischen Kräften hatte Descartes die Tiere 
einfach als fein konstruierte Maschinen betrachtet; es war für 
einen Philosophen, dem der Begriff des Seelischen das Ver—⸗ 
standesgemäße war, der einleuchtendste Schluß von der Welt; 
und dieser echt individualistische Schluß hatte dann noch lange 
im 18. Jahrhundert, trotz der Monadenlehre Leibnizens, die 
Geister beherrscht. Jetzt trat dem Reimarus, der Unbekannte 
der Wolfenbüttler Fragmente, in einem vielgelesenen Buche, 
in der Schrift über die vornehmsten Wahrheiten der natür⸗— 
lichen Religion (1754), mit gänzlich abweichender Ansicht ent⸗ 
— 
reicherer Naturanschauungen, wie sie ihm teilweise das eng⸗ 
lische, ihm wohlbekannte Geistesleben vermittelt hatte, ent⸗ 
wickelte er eine Klassifikation der Tierwelt nach den Graden 
abgestuft in ihr wirkender Kräfte: und so erschienen die Tiere 
dynamisch bewegt. Allein damit noch nicht genug. Noch immer 
war auch von Reimarus die Kluft, welche Mensch und Tier 
zu trennen schien, nicht grundsätzlich beseitigt. Unerbittlich 
tauchte auch nach seinen Forschungen noch die Frage auf, ob 
man von einer Beseelung der Tiere zu sprechen berechtigt sei. 
Da halfen die neuen psychologischen Anschauungen von einer 
rezeptiven und einer spontanen Seite des menschlichen Seelen⸗ 
lebens weiter. Und wurde die klare Durchbildung dieser An⸗— 
schauungen namentlich Tetens verdankt, so vermochte Tetens, 
indem er die Rezeptivität wie die Spontaneität der Seele als 
relative Kräfte ansah, zugleich auch der Untersuchung näher 
zu treten, inwiefern etwa in der Funktion beider Kräfte 
zwischen Tier und Mensch nur ein relativer Unterschied vor— 
handen sei. Er hat sie durchgeführt in dem Versuche, „aus 
der Analogie der Seelennatur des Menschen mit seiner 
tierischen Natur die Einrichtung der letzteren aufzuklären“. 
Das Ergebnis war, daß wir uns von den Tieren nicht 
grundsätzlich unterscheiden; gemeinsam ist allen Lebewesen, 
Eindrücke zu erhalten und selbständig darauf zu reagieren;
	        
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