Full text: Gesellschaftslehre

Der Instinkt des Selbstgefühles. 
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hältnisse näher bestimmt ist. Dieses ganze Bewußtsein eines Wertes, das 
Verlangen nach ihm und der Schmerz über sein Fehlen ist grundverschie- 
den von allen animalischen Regungen, von allen biologischen Instinkten. 
Es erscheint in ihm eine spezifische Qualität des Seelenlebens, in der sich 
der Mensch grundsäglich über alles tierische Leben erhebt, abgesehen von 
den wenigen schwachen Vorläufern dazu innerhalb des legteren. Diese 
Vollkommenheit aber, das ist die zweite Seite, ist nicht ein ruhender, 
fertiger Zustand des Ich, den der Mensch als objektive Tatsache wie 
Wärme oder Kälte einfach wahrnimmt und feststellt, vielmehr ist es 
die Gruppe, die diesen Zustand schafft. Die angestrebte 
Vollkommenheit existiert überhaupt nur als die Überzeugung der 
Gruppe über den Wert ihres Genossen, und zwar so, daß sie zugleich 
als seine eigene Überzeugung von ihm erlebt wird. Mit ihrer Überzeu- 
gung von dem Wert oder Unwert des beurteilten Menschen berührt die 
Gruppe dessen innersten Kern. Es gehört zum Wesen des Selbstgefühls 
in seiner idealtypischen Reinheit, daß die Gruppe durch ihr Urteil die 
sittliche Existenz des Einzelnen erst schafft und erhält oder vernichtet. 
Sie wirkt nicht wie eine Naturgewalt oder ein fremdes Wesen von außen 
her auf ihn ein, sondern sie lebt und herrscht in seiner Seele: der Ein- 
zelne hegt von seinem Ich dasjenige Bild, das seine Gruppengenossen von 
ihm hegen. Diese enge Verbundenheit meint auch James, wenn er von 
einem sozialen Ich des Menschen redet und darunter die Anschauung 
seiner Umgebung über dessen Wert versteht!). Er formuliert den Sach- 
verhalt so: „Das Bild meiner Person in den Seelen meiner Mitmenschen 
ist allerdings ein Gegenstand außerhalb meiner Person, deren Verände- 
rungen ich ebenso wahrnehme wie irgend eine andere äußere Verände- 
rung. Aber Stolz und Scham, die ich darüber erlebe, haben es nicht nur 
mit diesen Veränderungen zu tun. Ich habe das Gefühl, als ob sich sonst 
noch etwas geändert hat, wenn ich merke, daß mein Bild sich in deiner 
Seele zum Schlechteren gewandelt hat — nämlich etwas in mir, zu dem 
jenes Bild gehört und das eben vorher noch groß, kräftig und frisch war, 
jert aber matt, schwach und zusammenzgesunken ist.“ 
3. Von dem Idealtypus des Selbstbewußtseins, den wir eben zu kenn- 
zeichnen versuchten, wenden wir uns jeßt seinen empirischen Formen zu. 
Dabei differenziert sich insbesondere dasjenige, was dort eine Einheit 
ist, nämlich das Gelten und das Sein. Beide können sich voneinander 
lösen und jedes für sich oder wenigstens relativ abgesondert auftreten. 
Es entstehen so zwei Typen. Erstens der Typus des sittlich autonomen 
Menschen, der sich seinen Wert selbst bestimmt. In voller Entfaltung 
ist er auf wenige höhere Kulturen beschränkt. Anfänge aber sind. an- 
1) William James, Psychology I. 321.
	        
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