Zweiundzwanzigstes Buch.
Aber wird diese Sehnsucht nach einem Jugendbrunnen je
gestillt werden? Im Sinne der Urzeit niemals. Jede voll—
ständige Erfüllung würde eine unbewußte Rückentwicklung be—
deuten des genossenschaftlichen Triebes zum Kommunismus, der
Religion zum ritualistischen Gehorsam, der Wissenschaft zur
Mythologie, der darstellenden Küunste zum Hynnus. Wohl aber
läßt sich in hohen Kulturen vielfach bewußt eine Vereinfachung
gewisser verwickelter Tendenzen erreichen, und die Formen
dieser bewußten Vereinfachung ähneln dann äußerlich gewissen
unbewußt entwickelten Kulturformen der Urzeit bei völlig ab—
weichender innerer Struktur und Veranlagung. Es ist ein
Zusammenhang, der wohl beachtet sein will; wird er doch
sogar in der Auffassung der Freiheit wirksam, die in Urzeiten
eine unbewußte, d. h. nur durch die Institutionen gewähr—
leistete ist und darum im Grunde vielmehr Gebundenheit ge—
nannt werden muß, während sie in hoher Kultur durch Er—
ziehung innerlich bewußt gesichert erscheint — und umfaßt er
damit doch den ganzen ethischen und psychischen Kosmos hoher
Kulturen. Denn eben in ihm, in seiner systematischen An⸗
wendung sichern sich hohe Kulturen bewußt vor der schranken⸗
losen Willkür des Subjektivismus; der Ruf nach Natur, nach
Urzeit, ist daher zugleich der Schrei nach Gesundheit und der
Warnungsruf vor den zerstörenden Einwirkungen einer un—
gezügelten Bewegungsfreiheit subijektiver Zeiten.
In diesem Zusammenhange gewinnt auch der unter ge—
wissen Umständen eintretende Rücklauf der Freilichtmalerei zu
bewußter Ornamentierung gerade der fortgeschrittensten Formen
allgemeine Bedeutung. Er muß als ein Zuchtmittel verstanden
werden und als ein künstlerisches Gegengewicht gegen das
radikale Wesen jenes zügellosen Impressionismus, der sich aus
der Freilichtmalerei entwickeln kann. In weiterem Sinne aber
gehört hierher überhaupt das gleichzeitig mit den frühesten
Versuchen der Freilichtmalerei schon einsetzende Betonen der
Form in der Malerei, d. h. das Hindrängen auf besonders
klare und anschauliche Ordnung der Raumverhältnisse, wie sie
dem deutschen Neuidealismus der Feuerbach, Böcklin, Thoma,