Metadata: Denkschrift über die in der Schweiz, Norwegen, Schweden, Kanada und den Vereinigten Staaten von Nordamerika getroffenen Maßnahmen zur Preisstabilisierung des Getreides sowie über die dabei gemachten Erfahrungen

lichen Anstrengung, eine monopolistische Kon— 
trolle der Weizenpreise herbeizuführen, könnte 
günstigstenfalls nur ganz vorübergehend sein.“ 
Wenn hier auf „VBefürchtungen bezüglich eines 
Weltweizenpools“ eine Antwort erteilt wird, so 
spiegeln sich darin vermutlich Gedankengänge, mit 
denen die Handelswelt die Entwicklung der Pool— 
bewegung verfolgt. Vom Standpunkt der Weizen— 
erzeuger und der Verbraucher ganz allgemein, wie 
im besonderen der deutschen, duͤrfte nicht allzuviel 
Anlaß bestehen, einem weiteren Erstarken der Pool— 
bewegung und ihrer Ausdehnung auf die Haupt— 
überschußländer mit Befürchtungen zu begegnen. 
Eine stets gleichmäßig gehaltene Marktbeschickung, 
die Vermeidung starker Ausschläge der Preiskurve 
nach unten und oben würde den Erzeugern wie den 
Verbrauchern gleich dienlich sein. Zu einer ge— 
rechten Gegenleistung für die Arbeit des Weizen— 
bauern werden die Verbraucher immer bereit sein 
nüssen. Auf Niederhaltung der Weltmarktpreise aus— 
zugehen, würde selbstverständlich nicht das Pro— 
gramm einer die Hauptausfuhrländer umfassenden 
Erzeugerorganisation bilden. Dagegen, daß die 
Preishöhe, mit der die Organisation sich zufrieden 
gibt, im Verhältnis zu europäischen Erzeugerkosten 
zu niedrig sein könnte, bietet die bereits bestehende 
Höhe der Erzeugerkosten in Kanada und den Ver— 
einigten Staaten eine Sicherheit. Datin ist dem eng— 
lischen kritischen Beobachter wohl recht zu geben: 
Ein dauerndes Hochhalten der Preise über dem 
Stande, der eine gerechte Gegenleistung für die vom 
Erzeuger geleistete Arbeit in sich schließt, durch künst— 
liche Verknappung der Weltmarktbersorgung würde 
die Möglichkeit einer wirtschaftlich lohnenden Er— 
zeugung und den Produzentenkreis in anderen Län— 
dern erweitern. Es braucht in diesem Zusammen— 
hang nur auf die gegenwärtig so gut wie unge— 
nutzten Möglichkeiten verwiesen zu werden, die das 
europäische und asiatische Rußland bietet. Eine über— 
mäßige Preissteigerung würde aber auch, wie dar— 
getan, in den eigenen Reihen der Pools eine Gefahr 
heraufbeschwören, der das mühsam gefügte Gebäude 
vohl kaum Stand halten könnte. 
. Vereinigte Htaaten von Vordamerilka 
Die Frage der Stabilisierung der Preise für die 
andwirtschaftlichen Erzeugnisse beherrscht in den 
Vereinigten Staaten gegenwärtig nicht bloß das 
wirtschaftliche, sondern auch das politische Leben. 
Sie ist dort erheblich schwieriger als in Kanada, 
weil es sich in Kanada nur um ein einziges land— 
wirtschaftliches Erzeugnis, den Weizen, handelt, 
während für eine gleichmäßige Entwicklung des 
Wirtschaftslebens in den Vereinigten Staaten die 
Preisbewegung von mindestens vier weiteren land— 
wirtschaftlichen Erzeugnifsen von ebenso großer Be— 
deutung ist wie die Bewegung der Weigzenpreise. 
Es sind das vor allem die Preise für Mais und 
damit zusammenhängend die Preise für Schlacht— 
bieh, ferner Baumwolle und Tabak. Wenn der Wert 
des gesamten in den Vereinigten Staaten ge— 
vonnenen Weizens etwa 7 v. H. des Wertes der 
zesamten landwirtschaftlichen Produktion eines 
Jahres beträgt, so kann der des Maises auf 14 v. H., 
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Nr. 2785 
ilso doppelt so hoch veranschlagt werden?1). Auch 
die Preisfe für Molkereierzeugnifse, Obst und Zucke 
sind für das Gedeihen der VLandwirtschaft in ein— 
zelnen Landesteilen von ausschlaggebendem Einfluß 
Weil in Kanada beim Weizen die Ausfuhr über— 
piegt, ist dort die Frage der Stabilisierung des 
Weizenpreises gleichbedeütend mit der Frage der 
Stabilisierung des Weltmarktpreises für Weizen. 
Im Gegensaß dazu ist ein Grundgedanke der don 
»en Wortführern der Landwirtschaft in den Ver— 
ꝛinigten Staaten geforderten Kesetzlichen Maß— 
nahmen, daß die Landwirtschaft der Vereinigten 
Ztagaten von der Abhängigkeit von den Weltmarkt⸗ 
oreisen befreit werden müßte. In gleicher Weise 
wie in europäischen Ländern hat man sich gewöhnt, 
die Herrschaft der Weltmarklpreise in der Preis— 
bestimmung für landwirtschaftliche Erzeugnisse als 
dasjenige zu bezeichnen, was die inländische Land— 
virtschaft einem unaufhaltbaren Siechtum entgegen⸗ 
ührt. Zur Rechtfertigung dieser Behauptung kann 
ich die Landwirtschaft der Vereinigten Stagaten 
llerdings auf besondere Tatsachen derufen. Die 
Forderung des Abschlusses gegen die Einwirkungen 
»er Preisbewegung auf dem Weltmarkt entspricht 
den Grundtendenzen, die die Wirtschaftspolitik der 
Vereinigten Staaten gegenwärtig verfolgt. Die 
Wortführer der Landwirtschaft verweisen auf die 
Wirkungen, die der seit 1928 in Geltung befind— 
iche Fordney-MeOumbr-Tarift auf die Preisgestal— 
ung der Industrieerzeugnisse ausübt. Sie“ ver— 
veisen darauf, wie durch die gesetzlichen Einwande— 
ungsbeschränkungen der Arbeitsmarkt auf eine 
Krundlage gestellt wurde, die zu einer völligen un— 
bhängigen Entwicklung der Arbeitslöhne gegen— 
über allen am Weltverkehr beteiligten Ländern 
ührte. In erster Linie fordern sie nicht die Be— 
eitigung der Ursachen dieser besonderen Entwick— 
ung, sondern die Schaffung der Grundlagen für die 
Aufrechterhaltung eines gesonderten amerikanischen 
Preises für die sandwirtschaftlichen Erzeugnisse un— 
ibhängig vom Weltmarktpreis. 
Diese, Forderung wird unterstützt durch die fort— 
jesetzt sich steigernde Aufnahmefaͤhigkeit des In— 
andsmarktes für landwirtschaftliche Erzeugnisse, mit 
der die Steigerung der inlandischen landwirtschaft— 
lichen Produktion nicht mehr gleichen Schritt hält. 
Bei einer jährlichen Bevölkerungszunahme von 
154 Millionen Menschen steigt der Bedarf an Brot— 
zetreide jährlich, um 1 v. H. des Ernteertrages. 
Beträgt der im Inland verbrauchte Teil der 
Weizenernte gegenwärtig etwa 80 v. H., so werden 
die Vereinigten Staaten voraussichtlich in 20 Jahren 
rufhören, in normalen Jahren Weizenüberschuß— 
and zu sein. — 
Dazu kommt, daß die Vereinigten Staaten die 
Bläubiger der gesamten übrigen Welt geworden 
sind, die Zahlung von Schuldzinsen und Abtragung 
des Kapitals in der Form von Warenlieferung aber 
den Schuldnern durch hohe Zollmauern erschweren. 
Anter solchen Verhältnissen läßt sich die Ausfuhr 
erheblicher Produktionsüberschüsse der Landwirt— 
ichaft unter gleichzeitigem Fortbestand der Einfuhr— 
71) J. E. Nber, „Amerikanische Landwirtschaftsmechanik“ 
Berlin 1925 S. 27.
	        
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