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Lassalle aus der Nähe
Dieses kleine Buch will ein Bild des Menschen
Ferdinand Lassalle geben. Kein Versuch, die Sache
Ferdinand Lassalles auszubreiten, wird hier gemacht,
sondern der Leser soll erkennen, wie Ferdinand Lassalle
sich selbst sah.
Lassalle gehörte nicht zu den selbstvergessenen Pro
pheten, die nie in den Spiegel schauen. War er ein
Prophet, nun, so wußte er auch genau, wie er aussah.
Er hat sein eigenes seelisches Porträt als fünfzehnjäh
riger Schüler schon in seinem Tagebuch festgehalten,
er hat seinen geliebten Eltern jede Veränderung in seinem
geistigen Aussehen und Ansehen mitgeteilt, er hat die
Gräfin Hatzfeld mit allem Tiefen und Hohen seines
Innern genau bekanntgemacht und hat schließlich vor
jeder Frau, die er liebte, eine große Generalbeichte
seines Lebens abgelegt. Mit welchem grandiosen Schwung
ist der autobiographische Abriß hingeschmissen, den er
für Sonja Sontzeff wie im Fieber niederschrieb. Dieser
grandiose Schmiß, eine berauschende Mischung von
klarster Nüchternheit und brausender Trunkenheit, war
keinem deutschen Politiker eigen außer Ferdinand Lassalle.
Er nahm Höhen und Tiefen mit herrlichem Schwung
in Besitz, wie ein Skiläufer, der so viel Antrieb und
Schwungsicherheit hat, daß er über Hügel und Täler
in sausender Gewalt ab- und wieder aufwärts fliegt.