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Tonkunst.
herkömmlicher architektonischer Form zu ergehen versucht, trieb—
mäßig das neue, tiefere Stimmungsleben hervor.
Anders mit der Instrumentalmusik. Hier war die Zahl
der Instrumente immer größer, die Erringung der technischen
Herrschaft über die Stimmmittel, sei es des einzelnen Instru—
mentes, sei es des Orchesters, immer schwerer geworden:
tausend Bande hielten an der hergebrachten Architektonik fest,
und nur ein Meister von vulkanischer Kraft konnte sie zerreißen.
Dieser Meister war Beethoven in seiner letzten Periode. Die neunte
Symphonie erhebt sich jubelnd in einer einzigen gewaltigen
Grundstimmung über alle Musik der Vorzeit; in nie erhörten lang-
andauernden Atemstößen trägt sie die einheitliche Empfindung,
von der sie beseelt ist, an das Ohr des Empfänglichen, und
als sollte der Beweis geliefert werden, daß die psychische Kraft
der Instrumente jetzt der Beseelung des Gesanges wenn nicht
gewachsen sei, so doch an sie heranreiche, endet sie mit dem
alles überhallenden Hochgesang an die Freude.
Mit Beethovens letzten Werken war ein neues Zeitalter
der Musik vollends eingeleitet, das subjektivistische, das Zeit—
alter der Gegenwart. Aber war es mit ihm vollendet? Nein,
Beethoven bedeutet nur den Abschluß einer ersten Stufe. Denn
sieht man genauer zu für die Zeit zwischen Gluck und
Beethoven, so findet man, daß die architektonische Musik dieser
Zeit überhaupt doch schon stark durchsetzt ist von Elementen
der psychologischen Vertiefung, des stimmungsvollen Pathos im
modernen Sinne. Und diese Elemente nehmen zu; Mozart
wird von ihnen schon ganz anders getragen, als Haydn
in seinen jüngeren Jahren, Beethoven bereits in seiner Anfangs—
zeit nicht minder als Mozart. So steht der alternde Beethoven
am Ende einer ersten Stufe der modernen Musik. Freilich:
einer ersten Stufe. Denn hat er etwa, so ist man ebenfalls
zu fragen berechtigt, in der neunten Symphonie das volle, ihm
vorschwebende Ziel der Beseelung, der tiefsten und reichsten
Stimmungsschattierung der Musik wirklich schon erreicht?
So hieß es nach Beethoven weiter, vorwärts. Nicht ein