Object: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

458 Fünfter Teil. Verkehrswesen. IV. Binnen- und Seeschiffahrt. 
völlig wüster Gegend. Alle Geräte, Materialien, Nahrung mußten aus Kamelen 60 km 
weit herbeigeschafft werden. Für das Trinkwasser wurden 1862 täglich 1600 Kamele 
in Anspruch genommen, was jährlich 3 Millioncil Francs kostete. Das wurde erst 
anders, als der in der Konzession geforderte große Süßwasserkanal, der vom Nil 
abzweigt und heute noch besteht, am 29. Dezember 1863 vollendet wurde. Ein großer 
Vorteil war, daß nicht nur das für den Kanal erforderliche und noch anderes Land 
umsonst zur Verfügung gestellt wurde, sondern die ägyptische Regierung auch ver 
pflichtet war, soviel Fellachen zu stellen, als notwendig waren. Der festgesetzte Lohn 
für diese Fronarbeit war, an europäischen Verhältnissen gemessen, sehr niedrig. An 
fänglich wurden 30—40 000 Fellachen verlangt und gewährt. Allein bald nach dem 
Regierungsantritt Ismails (18. Juni 1863) wurden diese und andere lästige Bedingungen, 
hauptsächlich auf Betreiben Englands, von der ägyptischen Regierung angefochten (Juli 
1863) und nach einem höchst aufregenden Intervall durch Schiedsspruch Napoleons III. 
(6. Juli 1864) ein Entscheid dahin getroffen, daß die ägyptische Regierung nicht mehr 
die nötigen Arbeiter zu stellen brauchte, auch der größte Teil des Landes zurückgegeben 
werden mußte, wofür aber der Gesellschaft eine reiche Geldentschädigung zugesprochen 
wurde. Die Loffnung der Gegner, das Unternehmen vernichtet zu haben, war wieder 
vereitelt worden. Man mußte nun freilich die Arbeit auf eine ganz andere Basis 
stellen. Die ägyptische Art, die in grauer Vorzeit mit Menschenhand Pyramiden und 
andere Wunderwerke hergestellt hatte, mußte fallen gelassen und alles auf Maschinen 
kraft eingerichtet werden; man hatte schließlich auch 22 000 Pferdekräste in Verwendung. 
Am 16. November 1869 fand in Gegenwart des Kaisers von Österreich, der 
Kaiserin von Frankreich, des deutschen Kronprinzen Friedrich Wilhelm u. a. die feier 
liche Eröffnung statt. Die abendländische Welt erlebte eine nie gesehene orientalische 
Pracht. Nach den einen soll das Fest 10, nach anderen 20 Millionen Francs ver 
schlungen haben. 
Dem Feste folgten ernste Tage. Die Finanznot der Gesellschaft und des ver 
schwenderischen Khedive war groß; in den ersten Jahren konnte man keine Dividende 
zahlen, ja mit äußerster Mühe den Konkurs vermeiden. Die Skeptiker hatten noch 
ganz die Oberhand. Selbst ein so weitblickender Mann wie der Staatssekretär Stephan, 
welcher der Kanaleröffnung beigewohnt hatte, meinte: „Niemand würde wohl solch ein 
Narr sein und sein Geld in Kanalakticn anlegen". 
Je mehr aber doch die Bedeutung des Kanals sich herausstellte, umsomehr 
war nun die englische Regierung bemüht, Einfluß auf denselben zu gewinne». 
Als im April 1872 die Gesellschaft die Abgaben wesentlich erhöhte und deshalb 
eine internationale Konferenz eingriff, zeigte sich bereits die Präponderanz der englischen 
Regierung. Lesseps protestierte gegen die Regelung, sperrte sogar den Kanal auf vier 
Tage im April 1874, gab aber, als die Pforte 10 000 Mann an den Kanal 
marschieren ließ, seine Opposition auf. 
1875 verkaufte der Khedive seine Aktien durch Rothschild an die englische 
Regierung, wodurch diese in den Besitz von fast der Lälfte der Aktien kam und damit 
Lauptaktionär wurde; sie zahlte hierfür rund 4 Millionen £, heute haben sie einen 
Kurswert von 25 Millionen £. 
1882 legte dann England seine Land auf Ägypten selbst, und da der Kanal 
1968 an den ägyptischen Staat fällt, so wird England tatsächlich der Beherrscher. 
1885 gelang es den Engländern, anch in der Gesellschaft selbst eine stärkere Vertretung 
zu erhalten und die Befriedigung ihrer Wünsche in bezug auf den Kanal zugesagt 
zu erhalten. 
Wie so oft, so hat auch hier Albion es verstanden, ziemlich mühelos zu ernten, 
wo andere gesät haben.
	        
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