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Einleitung.
der Teutschen die ganze Summe der nationalen Entwicklung
unter dem Gedanken einer Geschichte des Selbstgefühls zu be—
greifen.
Freiheit und Selbständigkeit der Individuen aber hieß
zugleich deren Verschiedenheit. Und wie wurde diese schon im
Beginne des neuen Zeitalters aufgesucht und anerkannt und
in welcher Höhe gar in seinem weiteren Verlaufe entwickelt.
Im Sinne von etwas Neuem konnte Haller in seiner Vorrede
zum dritten Teile von Buffons Allgemeiner Naturgeschichte
äußern, kein Mensch sei im inneren Bau dem anderen ganz
ähnlich; er unterscheide sich im Laufe seiner Nerven und Adern
Millionen von Millionen Fällen, so daß es fast schwer er—
scheinen könne, das Gemeinsame aller Menschen festzustellen.
Hallers physiologische Beobachtungen aber übertrug Herder in
nmer wiederholten Ausführungen ins Psychologische: bei
keiner Gattung des Lebendigen herrsche eine so große Ver⸗
schiedenheit genetischer Charaktere wie beim Menschen; da
fehle zwar der hinreißende blinde Instinkt, aber dafür liefen
alle Strahlen der Gedanken und Begierden auseinander. Und
schon ins Feinere ergießt sich die Beobachtung Herders; er
sieht, daß jeder Mensch gleichsam sein eigenes Maß, seine eigene
Stimmung der Gefühle habe, so daß in außerordentlichen
Fällen oft die wunderbarsten Äußerungen zum Vorschein
kämen und gelangt von diesen Beobachtungen aus zu einer
besonderen Theorie der Idiosynkrasien. Gleichwohl: welcher
Fortschritt noch von alledem bis zu den Beobachtungen der
neueren Psychologie, die mit etwa 13 000 unterscheidbaren
Qualitäten der Empfindungen arbeitet und damit die unend⸗
liche Verschiedenheit der Individualitäten aus dem ungeheuren
System der Kombinationen und Permutationen solcher Quali⸗
fäten und der ihnen zugrunde liegenden Lebensprozesse zu er⸗
klären gestattet.
Indem sich aber so die Verschiedenheit der Individuen
aufdrängte, ergab sich zugleich die Beobachtung der Mannig⸗
altigkeit der Einzelseele in sich und damit wiederum die
Forderung einer neuen Lebenslehre und Pädagogik, um diese