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In dem Maße, wie sich die mittelalterliche Gesellschaft ent⸗
wickelte, änderte sich wieder der Inhalt der Religion. Die
mittelalterliche Gesellschaft war die Gesellschaft des Grund—
besitzes, in der die Menschen stufenweise voneinander ab—
hängig waren und in der die Abhängigen das überschüssige
Produkt ihrer Handarbeit nicht berkauften, sondern ihrem
Herrn abgaben. Die Leibeigenen und Hörigen lieferten
ihren adligen und geistlichen Herren Naturprodukte. Die
mittelalterliche Gesellschaft war also in der Hauptsache nicht
mehr eine Warengesellschaft, sondern wieder eine, sei es
denn auch ganz andere, nämlich durch Leibeigenschaft ge—
formte Naturalwirtschaft. Und ihr Charakter war stufen—
weise Abhängigkeit.
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Nach dieser Form änderte sich jetzt auch der
Gottesdiest. An der Spitze der weltlichen Ge—
sellschaft stand der Kaiser, unter ihm die Fürsten, unter
diesen die Lehnsherren, unter ihnen wieder der niedere
Adel und unter den Adligen die große Masse der Leib—
eigenen und Hörigen In der Kirche, die auch einen riesigen
Grundbesitz hatte, gab es ähnliche Verhältnisse Die Kirche
hatte sich von der alten dürftigen Gemmeinde, die kommu—
ntistisch konsumierte, zu einem ungeheuren Ausbeutungs—
institut entwickelt. An ihrer Spitze stand der Papsft, dann
folgten die verschiedensten hohen geistlichen Herren, die
stufenweise voneinander abhaͤngig waren, Kardinäle, Erz—
bischöfe, Bischöfe, Aebte und Abtissinnen, dann die niederen
Geistlichen, Mönche und Nonnen aller Art, schließlich kam
die große Volksmasse, die Gemeinde Zusammen bildeten
geistliche und weltliche Mächte also e ine große hier—
aͤrchische Gesellschaft, die sich in erster Linie auf die Liefe—
rung von Naturprodukten durch die Unterdrückten stützte
Und nach dem Bilde deer eeee—
mitdieser Produktionsweise hatte die christ—
liche Religion sich auch umgebildet. Nicht mehr ein Gott
allein wohnte im Himmel, sondern ein ganzes Volk gei⸗
stiger Maͤchte. Ueber allen thronte Gott, eins mit
seinem Sohn und dem Heiligen Geist, alles umgebend und
durchdringend Unter ihm stufenweise viele Arten von
Engeln nit verschiedenen Funktionen, auch gefallene Engel
oder Teufel, die für das Böse zu sorgen hatten. Weiter
Heilige, die, weil die Gesellschaft sich zum größten Teil auf
Lieferung von Naturprodukten, nicht von Kaufwaren,
ützte, alss von der Natur, von der Witterung zum Bei—
spiel, abhängig war, auch wieder zu einer Art neuer unter—
Feorbneter Naturgötter wurden, die auch alle ihre eigene