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Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule
Volkswirtschaftslehre beweisen soll. Dabei ist er nicht einmal
ein sehr begeisterter Anhänger dieser Lehre. Er übt Kritik am
Optimismus der liberalen Schule und am Freihandel, teilt
Chevaliers Ansichten bezüglich der Einmischung des Staates
ins Wirtschaftsleben und hält am Nichtinterventionismus grund
sätzlich nur fest, „weil die Freiheit noch das Einfachste und
Natürlichste ist.“ In seinen spätern Werken 1 ) verzichtete er
selbst auf das mathematische Räsonnement, teils weil es keinen
Anklang finde, teils „weil so viele ethische Ursachen, die man
weder auszählen noch messen kann, auf das Gesetz der Nach
frage einwirken,“ teils weil der Gebrauch der Mathematik in
der Volkswirtschaftslehre geeignet sei, die Illusion zu wecken,
nicht die unvermeidlichen Mängel der Problemstellung, sondern
die Fehler ausschließende Strenge der Beweisführung gebe den
Ergebnissen ihre Signatur. Das heißt mit andern Worten, daß
aus hypothetischen und unbestimmten Prämissen nur hypothe
tische und unbestimmte Schlußfolgerungen gewonnen werden
können, deren Wahrheitsgehalt durch den zwingenden Charakter
des mathematischen Beweisverfahrens nicht berührt wird.
Nach Cournot versuchte Dupuit in einer Reihe von Auf
sätzen, welche 1852—1856 im Journal des Economistes erschienen,
für den Gebrauch algebraischer Gleichungssysteme als Methode
der Volkswirtschaftslehre Stimmung zu machen. Beide fanden nur
Gehör bei Jevons und bei dem Franzosen Léon Walras, welcher
in den sechziger Jahren nach der Schweiz auswanderte und im
Verein mit seinem geistvollen Schüler Pareto die Universität
Lausanne zu einer Pflanzstätte der mathematischen National
ökonomie machte.
Die liberale Schule in Frankreich blieb der mathematischen
Methode abgeneigt; ihre Koryphäen, insbesondere E. Levasseur
i) A. Cournot, Traité de l’enchaînement des idées fondamentales dans les
Sciences et dans l’Histoire, Paris, 1861. — Principes de la Théorie des Richesses,
Paris, 1863. — Considérations sur la marche des idées et des évènements dans
les Temps modernes, Paris, 1876. Cournot war zeitlebens Professor der Philo
sophie und Rektor an den Universitäten Grenoble und Dijon. Sein letztes Werk
ist eine tiefgründige Philosophie des Liberalismus ; im 7. Kapitel des V. Buches
entwickelt er eine philosophische Begründung der notwendigen Existenz wirt
schaftlicher Naturgesetze und bekennt seinen Glauben an den zukünftigen Sieg
der wirtschaftlichen Freiheit über den Interventionismus.