chistisch-utopistische Unfähigkeit zu Kompromissen, zur verständigen
Abgrenzung und Vereinigung der Interessen. Eben die in der russi-
schen Geistesanlage liegende prinzipielle Forderung, den vollen Indi-
vidualismus mit vollem Universalismus zu vereinigen oder vielmehr
sie in ihrer urwüchsigen Einheit zu verwirklichen, führt leicht zu der
Möglichkeit der härtesten Kollisionen zwischen heiden Geistesten-
denzen, besonders wenn die religiöse Grundlage, auf der allein der
wahre Konziliarismus möglich ist, dem Bewußtsein entzogen wird,
wie es mit der russischen revolutionären Intelligenz des letzten Jahr-
hunderts geschah. Andererseits darf eben in diesen Tagen des russi-
schen Zusammenbruches und der politischen Schwäche nicht vergessen
werden, daß das russische Volk das größte und mächtigste Reich in
Europa einst gegründet und im Laufe mehrerer Jahrhunderte be-
festigt hat und daß dieses Reich nicht durch eine rein weltlich-poli-
tische Idee zusammengehalten wurde, sondern durch die Monarchie in
ihrer national-russischen Gestalt, d.h. durch eine wesentlich religiöse
Idee des „Väterchen Zaren“, des Zaren, als Träger der religiösen Ein-
heit und des religiösen Wahrheitssirebens des russischen Volkes.
IV.
Durch diese Erwägung haben wir schon das Gebiet der praktischen
Weltanschauung betreten. Jede Weltanschauung enthält eine gewisse
Einheit von Theorie und Ideal, verbindet irgendwie, um kantisch zu
sprechen die theoretische Vernunft mit der praktischen, das Gebiet des
reinen Seins und Denkens mit dem des Sollens und Wertes. Von der
russischen Weltanschauung aber darf man behaupten, daß sie in einem
ganz eminenten Sinne praktisch ist, sozusagen von Haus aus immer
auf die Weltverbesserung oder auf das Weltheil, niemals auf das Welt-
begreifen allein berechnet ist. Es kann kaum ein einziges Beispiel
eines national-russischen Denkers angeführt werden, der nicht zu-
gleich als Moralprediger oder Sozialreformator, kurz in irgend einem
Sinne als Weltverbesserer oder Verkünder eines Ideals aufgetreten
wäre. Das hängt aufs engste zusammen mit dem Wahrheitsbegriff
selber, der im Grunde der russischen Weltanschauung liegt und von
ihr immer vorausgesetzt wird. Fassen wir die bis jetzt besprochenen
Hauptmerkmale der russischen Weltanschauung zusammen, nämlich
das Prinzip der lebendigen Erfahrung, der Erkenntnis durch Erleben,
— den Ontologismus, — die Anschauung, daß das Bewußtsein inner-
lich mit dem Sein verbunden ist und in ihm fußt, daß also jeder
Bewußtseinsschritt, jede Vertiefung und Bereicherung der Erkenntnis
eigentlich eine reale Tat ist, ein Vorgang im Sein selber — und schließ-
lich das, was wir Konziliarismus oder Gemeinschaftsprinzip genannt
haben, das Prinzip der Einheit der Einzelwesen, ihres Verflochten-
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