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mit einem Schlage zu überrennen. Lenins Taktik richtete sich auf
längere Zeit dauernden, nie rastenden Kampf ein. Sie rechnete kühl
auch mit strategischen Rückzügen und mit Niederlagen, die aber
wiederum dazu ausgenukt werden sollten, um weitere Kreise der
Arbeitzrschaft für den Kampf mit der Obrigkeit zu interessieren,
reif zu machen.
Nur so ist das Wirken Lenins in den nahezu dreißig Jahren seiner
politischen Laufbahn zu verstehen. Es ist die Theorie, Strategie und
Taktik, die der Bolschewismus in Rußland und später in der Ill. Inter-
nationale aufstellte.
Ganz in dieser Richtung liegt es, daB Lenin stets strebte, an die
Massen heranzukommen und sie seiner Auffassung gefügig zu
machen, seine Gegner aus der engeren Organisation auszuschließen,
auch wenn sie ziemlichen Anhang hinter sich halten, d. h. Spaltungen
der Partei nicht zu scheuen. So geht ein klares Wollen durch Lenins
Politik, das gegen den Einfluß der „ökonomischen“ Richtung und die
zum Pakten mit den Liberalen geneigten Menschewiki, bis zum voll-
kommenen Bruch ankämpft, durch besondere Behandlung des Agrar-
programms baäuerliche Hilfstruppen der Industriearbeiterschaft wirbt
und seine politischen Fäden über den ganzen Erdball spinnt. Er rech-
nele im voraus mit Wechselfällen und ging troß Niederlagen den vor-
gezeichneten Weg unbekümmert weiter. So sammelte er die Partei
1905 zu einem neuen KongreB und suchte außBenstehende Organisa-
tionen zur Partei heranzuziehen, was jedoch nicht gelang. Es war
somit der erste Kongreß der Bolschewiki, der im Mai 1905 in London !:}
stattfand. Zu diesem schrieb August Bebel den bekannten Brief, der
zur Einigung zwischen Bolschewiki und Menschewiki mahnte und den
Lenin mit der kurzen Bemerkung beiseite legte: „Wir haben für Bebel
die größte Achtung, aber wenn es sich darum handelt, zu erkennen,
wie man in unserem Heimatlande den Zarismus und die Bourgeoisie
bekämpfen muB, dann muß man uns erlauben, darüber unsere eigene
Meinung zu haben.“ In den Thesen, die Lenin dem Kongreß vorlegte,
untersuchte er die Bedingungen der russischen Arbeiterbewegung
und zeigte eine von westeuropäischen, landläufigen Gedankengängen
scharf unterschiedene Auffassung von Demokratie und Parlamen-
tarismus: „Wir sind für einen Demokratismus, wie wir ihn brauchen,
und wenn es möglich sein wird, werden wir ihn als die ersten durch-
führen. Jeder, der ein richtiger, ernster Arbeiter ist, begreift, dak die
13) Siehe dazu das Protokoll: „Tretij oC&erednoj s*&zd Ross. Soc.-Dem.
RaboCej partli“. Zeneva 1905. 8%. Deutsch darüber, vom menschewistischen
Standpunkt aus, die „Neue Zeit“. Stuttgart, Jahrg. 1905.