Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

456

Fünfter  Teil.  Verkehrswesen.  IV.  Binnen-  und  Seeschiffahrt.

8.  Der  Suezkanal.
Von  Georg  Schanz.

Schanz,  Der  künstliche  Seeweg  und  seine  wirtschaftliche  Bedeutung.  Berlin-Grunewald,
A.  Troschel,  *90*.  5.5—12  und  S.  96.
Die  große  Straße,  welche  die  Erdteile  miteinander  verbindet,  ist  das  Meer.  Es
ist  die  Weltstraße  im  eigentlichsten  Sinn?)  Ohne  Kosten  bietet  sie  sich  dem  Menschen
dar.  Kein  anderer  Weg  läßt  eine  solche  unendliche  Ausnützungsfähigkeit  zu,  keiner
übertrifft  sie  an  Billigkeit  und  Leistungsfähigkeit.  Es  ist  nicht  zu  verwundern,  wenn
man  danach  trachtet,  diesen  Wasserweg  bei  Transporten  inöglichst  ausgiebig  zu  verlvcrtcn,
  und  schließlich  auch  nicht  davor  zurückgescheut  hat,  künstliche  Seewege  zu  schaffen.
Damit  man  von  solchen  reden  kann,  ist  heute  erforderlich,  daß  sie  mindestens  eine  Tiefe
von  4—6  m  und,  sollen  sie  auch  für  die  großen  transozeanischen  Fahrten  genügen,
sogar  eine  solche  von  7—10  m  besitzen;  die  Breite  dieser  Wasserwege  und,  lvenn
Schleusen  vorhanden  sind,  auch  deren  Größe  muß  entsprechend  sein.
Es  liegt  in  der  Natur  der  Sache,  daß  solche  künstliche  Seewege  oder  Seekanäle
nur  in  Betracht  kommen,  lvenn  es  sich  darum  handelt,  entlveder  zwei  Meere  miteinander ­
  zu  verbinden,  meist  mit  dem  Zweck,  die  Fahrt  erheblich  abzukürzen,  oder  das
Meer  möglichst  weit  ins  Binnenland  fortzusetzen  und  dadurch  Binnenorte  direkt  dem
Seeverkehr  zu  erschließen.
Was  die  erste  Art  voll  Seekanälen  betrifft,  so  haben  lvir  nur  drei,  die  wirklich
diesen  Namen  verdienen:  den  Suezkanal,  den  Nordostseekanal  und  den  Korinther  Kanal.
Das  20.  Jahrhundert  wird  noch  den  Panamakanal  bringen.  Ob  weitere  Projekte
dieser  Art  sich  erfüllen,  muß  dahingestellt  bleiben.
Der  Suez  kan  al  ist  der  Bahnbrecher  geworden,  und  mit  immer  neuer  Bewunderung
wird  inan  erfüllt,  lvenn  inan  sich  vergegenlvärtigt,  lvie  er  zustande  gckominen.  Sein
Schöpfer  Ferdinand  Lesseps  war  kein  Ingenieur,  sondern  ein  Diplomat.  29  Jahre
lang  hatte  er  im  Konsulardienst  gestanden,  als  er  gelegentlich  einer  außerordentlichen
Mission  nach  Rom  diesen  aufgab  (1849),  sich  dem  Studium  des  Orients  widmete
und  die  Idee  eines  Seekanals  auf  dem  Isthmus  von  Suez  ernstlich  verfolgte,  eine  Idee,
für  die  er  sich  seit  den  1880er  Jahren,  wo  er  das  Generalkonsulat  in  Alexandria
verweste,  lebhaft  interessierte.  Diese  war  reif  in  dem  Augenblick,  in  welchem  es  gelungen
war,  den  schon  von  Laplace  und  Fourier  bekämpften  Irrtum,  daß  das  Rote  Meer
9,908  m  höher  liege  als  das  Mittelmeer,  positiv  nachzuweisen.  Das  lvar  1847.  Man

*)  Bgl.  hierzu  den  Hymnus  auf  die  See  von  Friedrich  List  (in:  Gesammelte  Schriften,
herausgegeben  von  fjäuffer.  i-  Teil.  Stuttgart  und  Tübingen,  I.  G.  Lotta,  *850.  5.305):  „In
der  See  nehmen  die  Kationen  stärkende  Bäder,  erfrischen  sie  ihre  Gliedmaßen,  beleben  sie  ihren  Geist
und  machen  ihn  empfänglich  für  große  Dinge,  gewöhnen  sie  ihr  körperliches  und  geistiges  Auge,
in  weite  Ferne  zu  sehen,  waschen  sie  sich  jenen  philisteruurat  vom  Leibe,  der  allem  Nationalleben,
allem  Nationalaufschwung  so  hinderlich  ist.  Das  Salzwasser  ist  für  die  Nationen  eine  längst
erprobte  Panacec;  es  vertreibt  in  ihnen  die  Titellust,  die  Blähungen  aller  den  gesunden  Menschenverstand
  verzehrenden  Stubenphilosophie,  die  Krätze  der  Sentimentalität,  die  Lähmungen  der
Papierwirtschast,  die  Verstopfungen  der  gelehrten  Pedanterie  und  heilt  Stubenversessenheiten  und
Grillenfängerei  aus  dem  Grunde.  Dabei  gibt  es  dem  Magen  der  Nationen  Ton;  denn  es  bringt
Reichtum  und  Genüsse,  Mut  und  Lebcnsfreudigkeit  in  die  Masse  des  Volkes.  Seefahrende  Leute
lachen  über  das  Hunger-  und  Sparsystem  am  Boden  kriechender  Nationalökonomen,  wohl  wissend,
daß  die  See  an  guten  Dingen  unerschöpflich  ist,  und  daß  man  nur  Nut  und  Kraft  haben  dürfe,
sie  zu  holen."  —  G.  M.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.