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liegt hauptsächlich an den „stillen Reserven“ 1 , die auf dem Wege übertriebener Abschreibungen oder
Auf-Betrieb-Verbuchungen geschaffen werden, und durch die neben dem eigenen Kapital das Ver
mögen zu niedrig in der Bilanz erscheint und zwar vor allem das produzierende Anlagevermögen
und die Wertpapiere und Beteiligungen, da das Betriebsvermögen zur Schaffung stiller Reserven
dauernd wenig geeignet ist. 2 Die entsprechenden prozentualen Beziehungen werden natürlich in
Mitleidenschaft gezogen. Auf die Liquidität und das Verhältnis des dauernd verfügbaren Kapitals
zum Gesamtanlagevermögen haben dagegen diese stillen Reserven kaum Einfluß.
Für die Bewertung der Liquidität der Aktiengesellschaften ist zu berücksichtigen, daß sie nicht
am Schlüsse des Geschäftsjahres, für den sie ja errechnet ist, sondern erst nach der Gewinnverteilung,
also etwa 4 / 2 Jahr 8 später, ihre geringste Höhe erreicht, für diesen Zeitpunkt aber nicht festgestellt
werden kann. 4
Die hier ermittelten finanziellen Verhältnisse der industriellen Aktiengesellschaften der Berliner
Börse darf man wohl ohne weiteres für die übrigen deutschen industriellen Aktiengesellschaften als
maßgebend betrachten. Ihre Bedeutung zeigt ein Vergleich mit den Angaben für die gesamten
deutschen industriellen Aktiengesellschaften in der jährlichen amtlichen Statistik:
Die Anzahl der untersuchten Aktiengesellschaften im Jahre 1910/11 beträgt 628 mit einem
Aktienkapital von 4416,84 Milk Mk.
Die Anzahl, der gesamten industriellen Aktiengesellschaften im gleichen Jahre beträgt 3110
mit einem Aktienkapital von 7668,38 Milk Mk.;
mithin enfällt auf die untersuchten Gesellschaften ein Anteil der Zahl nach von 20,2 %, dem Aktien
kapital nach von 57,6 °/ 0 .
Inwieweit die Verhältnisse der Aktiengesellschaften auch für die sonstigen privaten Unter
nehmungsformen in den einzelnen Industrien charakteristisch sind, läßt sich nicht sicher feststellen.
Der Hauptunterschied liegt wohl in der größeren Kreditfähigkeit 5 der Aktiengesellschaften, die auf
der Gebundenheit des Aktienkapitals (in gewissem Sinne auch der gesetzlichen Reserven) und der
Publizität der Geschäftsführung beruht, und vor allem in der Höhe des langfristigen Kredits zum
Ausdruck kommt. Anzunehmen ist, daß die höhere Inanspruchnahme des Kredits einen höheren
Anteil des Betriebsvermögens am produzierenden Vermögen bedingt,' und daß bei der leichteren
1) Siehe Passow, Die wirtschaftliche Bedeutung und Organisation der Aktiengesellschaft S. 89 f.
2) Siehe Lomnitz S. 36 f.
3) Dies gilt nur für die Aktiengesellschaften, deren Aktien an der Berliner Börse zugelassen sind; für die
übrigen siehe Vierteljahrshefte zur Statistik des Deutschen Reiches, Ergänzungsheft zu 1909, II, S. 2: „Im allgemeinen
wird die Veröffentlichung der Bilanz im 7. oder 8. Monate des neuen Geschäftsjahres erfolgen“.
4) Würden bei der Ermittlung der Liquidität alle die Summen, die aus dem Reingewinn ausgezahlt werden
und also nicht wie beispielsweise die Zuweisungen zu den Reserven und der Vortrag zur Verfügung der Gesellschaft
bleiben, als kurzfristige Schulden betrachtet, so würde sich eine den wirklichen Verhältnissen auch nach der Gewinn
verteilung nicht entsprechende, zu geringe Liquidität ergeben, da in der Zeit zwischen dem Bilanztage und der Gewinn
ausschüttung bereits neue Gewinne vorzuliegen pflegen, die wohl in den meisten Fällen das Betriebsvermögen erhöhen.
Um die Unterschiede der Ergebnisse der beiden Ermittlungsarten der Liquidität zu zeigen, ist im folgenden für die
Gesellschaften des Akkumulatorenbaues, der Kabelindustrie, des Elektrifcitätsmaschinen- und Apparatebaues, der
gemischten Elektrizitätsindustrie sowie für die reinen Elektrizitätswerke in den Kolonnen a die in den Tabellen 13 —17
angegebene, ohne Berücksichtigung des Reingewinns errechnete Liquidität, in den Kolonnen b die bei Einbeziehung
der Dividende, der Gewinnanteile, der Gratifikationen und der im Reingewinn enthaltenen Tantiemen in die kurz
fristigen Schulden sich ergebende Liquidität zusammengestellt:
Akkumulatoren
bau
Kabel
industrie
Elektrizitäts-,
maschinell- und
Apparatebau
Gemischte
Elektrizitäts
industrie
Reine
Elektrizitäts
werke
a
b
a
b
a
b
a
b
a
b
1901
1,75
1,61
2,61
2,46
1,95
L79
2,78
2.39
0,50
0,36
1902
M3
1,29
3,34
3.22
7,92
3,78
2,38
2,20
°,99
o,59
1903
L73
i,49
3,79
3,oi
6,40
3,32
2,77
2,44
0,63
o,47
1904
1,60
i,45
2,42
2,03
4,23
2,57
2,46
2,00
o,77
°,41
1905
1,70
i,49
2,37
2,02
4,94
3,oo
2,19
1,75
1,02
o,5S
1906
LSö
1,38
2,52
1,98
4,75
3,o b
3,84
2,81
1,06
0,5b
1907
1,87
1,64
2.73
2,20
4,70
3,24
4,42
3,03
',17
0,63
1908
L79
I,6l
3.21
2,6 r
4.29
3,28
4,73
3,22
LU
0,70
1909
1,62
i,47
2,1 2
1,87
3,83
2,95
4,15
2,97
0,91
o,5b
1910
1,60
1,42
1,62
1.52
3,00
2,55
3,84
2,81
1,05
o,5 8
Durchschnitt
1,67
1,48
2,32
1,99
3,59
2,76
3,19
2,53
o,94
0,5 b
5) Siehe Passow, Die wirtschaftliche Bedeutung der Aktiengesellschaften S. io6f.