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Strukturwandlungen der Weltwirtschaft 55
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Anders steht es um den Bedeutungswandel im raumwirtschaftlichen
Aufbau der Weltwirtschaft, wenn in gewissem Sinne auch höchstens ein
gradueller Unterschied vorliegt. Die einzelnen Sonderräume vertreten
auch in der Volkswirtschaft überwiegend nur das Eigeninteresse. Die
Kommunalpolitik in fast allen Ländern ist dafür nicht minder Zeugnis
wie die Wirtschaftspolitik der Einzelstaaten im Bundesstaat. Stärker
ausgeprägt ist ein anderer, allerdings auch nur gradueller Unterschied.
Die raumwirtschaftlichen Neugliederungen, die sich während des letzten
Menschenalters in der Weltwirtschaft durchgesetzt haben, sind un-
gleich durchgreifender und mit erheblich tieferen und nachhaltigeren
Störungen verbunden gewesen als diejenigen in den Volkswirtschaften.
Der eigentlich grundsätzliche Unterschied kommt erst darin zum Aus-
druck, daß einerseits der absolute Interessenausgleich zwischen den
staatlich bedingten Wirtschaftsräumen aus den schon dargelegten
Gründen überhaupt nicht möglich erscheint, und daß anderseits die
Weltwirtschaftspolitik nicht weit genug entwickelt ist, um den an
sich möglichen und im Grunde auch vom Standpunkt der Sonderräume
erwünschten Interessenausgleich im Sinne der Ganzheitsidee herbei-
führen zu können.
Das ist der springende Punkt: im Kampfe zwischen volkswirtschaft-
lichen Sonderräumen der Interessenausgleich durch den Staat — im
Kampfe zwischen weltwirtschaftlichen Sonderräumen Sieg oder Nieder-
lage, Hammer oder Amboß, so etwa stellt sich das Problem heute den
meisten Menschen dar. Hier der Ausgleich durch die Macht des
Ganzen, dort der Austrag durch das Machtverhältnis der Teile. Letztlich:
Kanonen und Maschinengewehre, Gas und unsichtbare Strahlen, Tod in
jeder Gestalt! Man kann sich zwar baß darüber wundern. Denn was
hat der letzte Krieg den Mächten, die im August 1914 zum Schwerte
griffen, eingebracht? Von Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien
und der Türkei nicht zu reden, denn das Vae victis ist uralt. Wie aber
steht’s um die Sieger? In England gibt es heute keinen verständigen
Menschen, der nicht den Wunsch hätte, das Rad der Weltgeschichte auf
den Stand vom I. August 1914 zurückzudrehen. Frankreich hat Elsaß-
Lothringen erhalten, an dem es gewiß keine Freude erleben wird — der
Nation aber, wie deutlich steht dies vor Augen, wird das Schicksal be-
schieden sein, den »Kelch des Sieges« bis auf die Neige leeren zu müssen.
Und Rußland? Wenn Volkswohl das Glück der Nationen bestimmt,
so laßt uns schweigen. Bleibt von den Großmächten Italien. Sunt
verba et voces — Worte ja gibt’s und Töne! Sieger sind in Europa
die neuen Staaten. Sicherlich ist nicht entscheidend, »ob die Sonne
Gelegenheit hat, in ihnen unterzugehen, wohl aber ist wichtig, was
sie während ihres Laufes in ihnen zu sehen bekommt !« Wenden wir den