—198 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Sie fühlten sich den Alten jetzt nicht mehr unterlegen, zumal
sie in der klassischen Überlieferung den wackeren germanischen
König Ehrenfest (Ariovist) und den Sachsenherzog Hermann
(Arminius) entdeckt hatten; sie hielten dafür, Briefe zu schreiben
besser vielleicht als Cicero, sie wetteiferten in der Dichtung mit
Horaz und Virgil, sie suchten im Denken Plato und Aristoteles
zu überflügeln. Und andererseits schauten sie mit religiöser
Inbrunst auf zu dem Ganzen der antiken Kultur und dachten
sich in deren Leben ein bis zu halber Verehrung der Götter
und Göttinnen des Pantheons. So verloren sie den Boden
ihrer Zeit unter den Füßen und wurden Poeten des Denkens,
faustische Naturen unbegrenzten Erkenntnistriebes, Pantheisten
freiester Anschauung. „Das himmelerstrahlende Feuer möchte
ich schauen,“ ruft Celtes einmal aus, „erkennen möchte ich
den Ursprung des Meeres und der Erde, des Windes, des
Nebels, der schneeigen Wolken. O könnt ich dich finden, du
Vater des Alls — allgegenwärtig, allbeseelend durchwaltet
dein Geist den Weltraum“i.
Natürlich, daß einer solchen Haltlosigkeit des Geistes sitt—
liche Verwahrlosung nur zu leicht zur Seite ging, zumal wo
dem geistigen Absentismus nicht die vollste Freiheit von
äußeren Sorgen zu Hülfe kam. Wie viele dieser Humanisten
wurden nicht im Wechsel von Armut und Überfluß oder an—
gestrengten Studien und fahrendem Virtuosentum, im schwan—
kenden Beruf als Hauslehrer und Professoren oder Hofschranzen
und Sekretäre, in der Aufreibung gegenseitigen Hasses und
blinder Verhöhnung seitens Außenstehender an ihrem Charakter
geschädigt auch noch über das Bedenkliche ihrer geistigen Hal—
tung hinaus!
Einer der frühesten und glänzendsten dieser Enthusiasten
ist Conrad Celtes. In Franken 1459 geboren, unstet von
Jugend auf, ein Fanatiker auch der äußerlich freien Bewegung,
suchte er gelehrte Bildung in Erfurt, Rostock und Leipzig, ging
dann nach Italien und lernte dort das damals in Deutschland
1Lenz, Luther S. 25.